Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-Köln

Taktikanalyse: Kampf & Krampf,  Schlamm & Schlamassel

Taktikanalyse: Kampf & Krampf, Schlamm & Schlamassel

Foto: Imago Images

Zum fünften Mal in dieser Saison die Null hinten - und zum siebten Mal vorne. Klingt nach keinem sehr aufregenden Jahresauftakt zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Viktoria Köln. War's auch nicht. Wieder einmal fand Jeff Saibenes Team keine Balance zwischen Abwehr und Angriff.

Eine Mannschaft, die den Gegner tief gestaffelt erwartet, und eine, die mutig nach vorn nach drückt, und das in Richtung der Westkurve, wenngleich die auch im Januar 2021 noch leer bleiben muss. Da sollte doch eigentlich klar sein, wer der 1. FC Kaiserslautern ist und wer der Gast, oder? Wir sind hier ja schließlich am Betzenberg.

Ist es auch. Leider. Denn vertippen werden sich an dieser Stelle nur unverbesserliche Nostalgiker, die noch live erlebt haben, dass Gastmannschaften "de Betze" einst als "Hölle" wahrnahmen. Wer auf der Höhe der Zeit ist, ahnt es nur zu gut: Mit der Mannschaft, die am Samstag das Heft in der Hand hielt, ist Viktoria Köln gemeint, während die Einheimischen lediglich auf Balleroberung in der eigenen Hälfte lauerten. Das ist die Betzenberg-Realität 2020/21.

Gegner müde laufen lassen, dann zuschlagen - war das der Matchplan?

FCK-Trainer Jeff Saibene hatte sein Team wieder in einem 4-1-4-1 formiert, wie schon zum Jahresabschluss gegen Uerdingen, bei dem die bis dato beste Saisonleistung den Roten Teufeln einen 2:0-Auswärtssieg bescherte. Doch während in dieser Partie die beiden inneren Glieder der vorderen Viererkette im Spiel gegen den Ball immer wieder mal forsch die gegnerischen Innenverteidiger attackierten, war diesmal davon lange Zeit nichts zu sehen. Erst in der Schlussviertelstunde schoben sich die Roten ein wenig aggressiver nach vorne.

Wann das tatsächlich der Matchplan gewesen sein sollte - in einer kompakten Deckung Sicherheit herstellen, den Gegner müde laufen lassen und in den Schlussminuten aufdrehen - soll es zumindest nicht unerwähnt bleiben: Um ein Haar hätte er sogar zum Happy End geführt. Buchstäblich in der Schlussminute fuhr der FCK nochmal einen Konter über Marlon Ritter und Philipp Hercher, dessen Abschluss Marvin Pourié nur knapp verpasste.

Immerhin: Das Ergebnis verstellt nicht den Blick auf die Realität

Damit wäre das Spiel von FCK-Seite hinterher wohl besser geredet worden, als es war. Insofern hat das Ergebnis auch sein Gutes: Es verstellt nicht den Blick auf die Realität. Denn dieses 0:0 war genauso trist, wie es sich anhört.

Und es verdeutlicht die größten Schwächen des aktuellen FCK-Spiels. Tief stehen und die Balleroberung erst in der eigenen Hälfte suchen, erlaubt zwar, eine kompakte Defensive zu formieren, die für ein "zu null" gut ist. Nach den Ballgewinnen jedoch braucht es schnelle, präzise Bälle in die Spitze und/oder Spieler, die mit dem Ball lange Wege mit möglichst hohem Tempo gehen können. Und ohne die steht am Ende auch vorne nur die Null.

Torszenen in Halbzeit 1: Wenn, dann ohne Wumms

Einer, der mit dem Ball lange Wege geht, war in Hälfte eins gerade zwei Mal zu sehen. Beide Male war es Ritter, der über die linke Seite marschiert kam. Das erste Mal missglückte ihm im Strafraum das durchaus möglich Zuspiel auf Pourié, beim zweiten Mal zog er in die Mitte und setzte zu einem Drehschuss an, der nicht wirklich gefährlich aufs Tor kam.

Ansonsten verzeichnete Lautern in Hälfte eins nur zwei Strafraumszenen: Einmal köpfte Pourié übers Tor, als Rechtsverteidiger Hercher seinen Vordermann Daniel Hanslik schön hinterlief, von diesem gut eingesetzt wurde und flankte. Das andere Mal nahm Tim Rieder nach einer Freistoßflanke eine verunglückte Kopfballabwehr direkt, so richtig Wumms kam aber auch hinter diesen Ball nicht.

Kleinsorge und Hercher: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Erst mal nicht



In Hälfte zwei kommt mit Marius Kleinsorge für Hanslik ein weiterer Spieler, der mit Tempo lange Wege gehen kann. Er muss mit zunehmender Spieldauer allerdings darunter leiden, dass es im und um den Kölner Strafraum immer matschiger wird, so dass er einige Male nicht vom Gegner, sondern vom Boden gestoppt wird.

Auch im Zusammenspiel mit Hercher zeigt Kleinsorge gute Ansätze, doch leider wird sich der mögliche Beginn dieser wunderbaren Freundschaft zunächst nicht fortsetzen: Kleinsorge ist nach der fünften Gelben Karte fürs nächste Spiel gesperrt, ebenso wie Rieder und Kenny Redondo. Die Probleme für Saibene werden also nicht weniger. Und besonders schade für Kleinsorge. Da es dem Kader ohnehin an schnellen Flügelspielern fehlt, wäre es doppelt wichtig, dass der Neuzugang aus Meppen endlich in die Gänge kommt.

Jean Zimmer? Oh ja, der könnte helfen - und wie

Einen weiteren Hoffnungsschimmer bietet das am Sonntag publik gewordene Bemühen des FCK um Jean Zimmer. Obwohl eher als Rechtsverteidiger bekannt geworden, kann der Landstuhler auch den offensiveren Part auf dieser Seite spielen.

Schon in seiner ersten Zeit im FCK-Profikader zwischen 2013 und 2015 schob der damalige Trainer Kosta Runjaic ihn öfter mal nach vorne, etwa, wenn es galt, in den Schlussminuten mit langen Läufen und hohem Tempo für Entlastung zu sorgen. Das wäre also genauso das, was der FCK für sein Spiel aus einer tief stehenden Abwehr heraus bräuchte.

Vertikale Zuspiele? Nur Hlousek macht es einmal richtig

Was das vertikale Zuspiel nach tiefem Ballgewinn in Spitze angeht - das sah über weite Strecken ebenso mau aus. Etliche nach vorne geschlagene Bälle landeten vollkommen im Blinden, einige wenige vermittelten zumindest den Eindruck, als sollte Pourié der Adressat sein, doch der, meistens mit einer Doppeldeckung im Rücken, hätte die Antrittsschnelligkeit eines Timo Werner gebraucht, um diese Zuspiele zu erreichen, und das auch nur eventuell.

Lediglich einmal, nach knapp einer Stunde, setzt Adam Hlousek Pourié mit einem gut getimten vertikalen Ball ein. Daraus resultiert prompt die FCK-Chance, die in Sander Ijtsmas Aufrechnung der "expected Goals" (xG's) am höchsten bewertet worden ist.

xG-Plot FCK-Köln

Den notorischen Kritikern dieser Art Spielbetrachtung sei an dieser Stelle gesagt: Dass die FCK-Torchance in der Schlussminute keine Ausschlag in der Timeline verursacht, offenbart in der Tat eine der Schwächen der xG-Analyse. Da Herchers Zuspiel Pourié schlussendlich nicht erreicht, entsteht keine Einschussposition, die vom Programm bewertet werden kann.

Dafür macht die Aufrechnung umso deutlicher: Ein xG-Endergebnis von 0.52 : 0.59 - da kann eigentlich kein reales Resultat gerechter sein als ein 0:0. Die zwei Gelegenheiten, die die Kölner hatten, waren allerdings nicht ohne: Ein Schuss Kevin Holzweilers aus kurzer Distanz blockt Alex Winkler gerade noch ab, und die Abschlussposition für den eingewechselten Albert Bunjaku in der 78. Minute war eigentlich exzellent: Er steht 14 Meter vorm Tor vollkommen frei, jagt das Zuspiel Mike Wunderlichs aber in die Wolken.

Die Positions- und Passgrafik verdeutlicht die bereits beschriebene Schwäche des FCK im Spiel nach vorne. Die langen Bälle, die Keeper Avdo Spahic auf Pourié drischt, sind die, die noch am ehesten ankommen. Ansonsten ist der zentrale Stürmer von keinem seiner Mitspieler mehr als drei Mal angespielt worden - nur dann nämlich erscheint in der Grafik ein Pfeil.

xG-Passmap FCK

Dringend nötig: Mehr Tempo, mehr Präzision, mehr Leichtigkeit

Solide im Spiel war Debütant Anil Aydin. Mehr als drei Pässe, die ankamen, spielte allerdings auch der 21-Jährige lediglich auf Nebenmann Rieder und den hinter ihm postierten Innenverteidiger Kevin Kraus. Ansonsten gefielt der 21-Jährige durch seine Wendigkeit, wobei er einige Dribblings allzu leichtfertig ansetzte.

Dennoch: Etwas mehr Aydin'sche Unbekümmertheit ist genau das, was der FCK vielleicht am dringendsten braucht, um dem allgegenwärtigen "Kampf und Krampf" (Saibene) zu begegnen. Für ein bisschen mehr Passsicherheit aus der Defensive könnte Hikmet Ciftci sorgen, dessen Rückkehr zumindest absehbar ist. Auch Carlo Sickinger, der am Samstag wegen eines grippalen Infekts pausieren musste, könnte beim nächsten Spiel in Verl die vakante Position des gesperrten Rieder einnehmen. Wer indes das Problem auf den Flügeln beheben soll, bleibt weiterhin offen. In Verl werden nun sogar Redondo und Kleinsorge fehlen.

Zum Abschluss noch die Positions- und Passgrafik der Kölner. Die Größe der Spots im Vergleich zu denen der Lautrer spricht für sich. Die Viktoria hatte auf dem Betzenberg deutlich mehr Ballbesitz. War aber, wie in der xG-Timeline zu sehen, nicht unbedingt näher am Sieg.

xG-Passmap Köln

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

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