BetzeHistorie: Der Weg des FCK vom Absteiger zum Deutschen Meister

"Ein Bäcker plant den Rehhagel-Sturz"

Otto Rehhagel bejubelt den Auswärtssieg in Bochum; Foto: Imago/Team2

Vor 20 Jahren surfte der 1. FC Kaiserslautern auf einer Welle des Erfolgs. Der Aufsteiger stand sensationell an der Tabellenspitze - doch intern tobte ein Machtkampf, in dessen Zentrum Otto Rehhagel, Jürgen Friedrich, Hans-Peter Briegel und der Aufsichtsrat Peter Werner Landry standen.

Rückblick, 29. August 1997: 90. Minute im Ruhrstadion, der nächste Angriff des 1. FC Kaiserslautern rollt und endlich fällt der erlösende und vorentscheidende 3:1-Treffer für die Roten Teufel! Mit viel Wucht und im Nachsetzen hatte Pavel Kuka den Ball gegen den VfL Bochum über die Linie gedroschen. Die Lautrer legten damit am Freitagabend gegenüber der Konkurrenz vor - und standen weiter an der Tabellenspitze! Auch wenn Torhüter Andreas Reinke knapp den Gegentor-Rekord der Bundesliga verpasst hatte, war die Euphorie bei der Mannschaft und auf den Rängen gewaltig: Seit dem Auftaktsieg in München surften die Roten Teufel auf einer Welle der Begeisterung, im Pokal war der FCK durch einen 5:0-Sieg gegen die eigenen Amateure in die 2. Runde eingezogen und auch nach dem Schlusspfiff im Ruhrstadion fiel die Party üppig aus.

Doch während auf dem Platz eitel Sonnenschein herrschte, ging es abseits des Rasens turbulent zu. Gegenseitige Vorwürfe und Streitigkeiten in der Vereinsführung waren an der Tagesordnung und sie sollten nun eskalieren. Am Ende des Machtkampfes drohte sogar Tabellenführer-Trainer Otto Rehhagel mit seinem Rücktritt. Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss der Blick etwas mehr als ein Jahr zurückgehen.

Sommer 1996: Das "Team Professionelle Zukunft" nimmt seine Arbeit auf

Am 9. Juli 1996, wenige Tagen nach dem ersten Bundesliga-Abstieg des FCK, nahm das selbsternannte "Team Professionelle Zukunft" seine Arbeit auf. Jürgen "Atze" Friedrich, Karlheinz Feldkamp, Dr. Robert Wieschemann, Wolfgang Fritz und Peter Werner Landry wurden auf einer turbulenten Mitgliederversammlung, bei der Norbert Thines als Präsident zum Rücktritt gedrängt wurde, nominiert, um die Roten Teufel in eine bessere Zukunft zu führen. "Hier herrschte total Anarchie", kritisierte Friedrich bei seinem Amtsantritt die alte Führung. Es ging nun schnell: Schlüsselpositionen wurden neu besetzt, allen voran der Trainerposten. Dort präsentierten die neuen Verantwortungsträger Otto Rehhagel und lösten damit die erste große Euphorie aus.

Der Plan ging auf: Rehhagel führte den FCK nicht nur zurück in das Oberhaus, sondern machte die Pfälzer gleich zum Tabellenführer in der Bundesliga. Eine absolute Sensation! Doch abseits des Sportlichen bekam das "Team Professionelle Zukunft" Risse. Der Aufsichtsrat? Nicht mehr als ein tief zerstrittenes Gremium! Die sportliche Führung? Ein Dauerkonflikt zwischen Trainer Rehhagel und Manager Hans-Peter Briegel. Die kritischen Stimmen mehrten sich, wurden lauter: "Geht beim FCK unter Friedrich, Wieschemann, Rehhagel und Co. alles mit rechten Dingen zu?" Briegel übte öffentliche Kritik an Rehhagel, entschuldigte sich später zwar, das Tischtuch war aber trotzdem zerrissen. Der Trainer giftete in Interviews zurück, warf "dem Herrn Briegel" Überschreitung seiner Kompetenzen vor.

Feldkamp schmeißt als Erster hin

In der Sommerpause nach dem Aufstieg 1997 brodelte es gehörig beim FCK. Auch Meistertrainer und Aufsichtsratsmitglied Karlheinz Feldkamp äußerte Bedenken, was den eingeschlagenen Weg anging und kündigte wenig später seinen Rücktritt an, offiziell "aus privaten Gründen". Und nun trat auch noch Peter Werner Landry an die Öffentlichkeit und warf Atze Friedrich Vetternwirtschaft vor.

Auszug aus dem Spiegel: Zahlreiche Ungereintheiten
Auszug aus dem "Spiegel"

Landry vs. Friedrich: Die "Midas-Affäre"

Konkret ging es darum, dass sich Friedrich als Aufsichtsratsvorsitzender in das operative Handeln eingemischt und den Verein dazu bewegt habe, mit der Sportartikel-Firma Midas Geschäfte gemacht zu haben. Pikant dabei: An der Firma war Friedrichs Sohn Patrick beteiligt. Die "Midas-Affäre" setzte Atze Friedrich unter Druck. Aufsichtsratsmitglied Landry reichte Beschwerde beim Ehrenrat ein, zwei Gutachter untersuchten die von ihm geäußerten Vorwürfe eingehend. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen, sogar der "Spiegel" berichtete groß und stellte "zahlreiche Ungereimtheiten" fest. "Allein von Oktober 1996 bis Mai 1997 habe Midas beim 1. FCK einen Umsatz von rund einer halben Million Mark mit T-Shirts und Mützen gemacht. Konkurrenzangebote wurden nach den Erkenntnissen der Gutachter in dieser Zeit offenbar gar nicht mehr eingeholt", heißt es in dem Artikel. Auch die "Rheinpfalz" berichtete und stellte Friedrichs Verhalten zumindest "moralisch" infrage. Die Erkenntnisse trugen aber zu keiner abschließenden Klärung bei, vielmehr schwelte der Streit weiter.

Friedrich, der Beschuldigte, ging daraufhin in die Offensive, drohte öffentlich seinen Rücktritt an und konnte wohl erst durch das intensive Einwirken der Mannschaft und wichtiger Fürsprecher wie etwa Fritz Walter, der an alle Beteiligten appellierte und um Ruhe bat, weitermachen. Am schwersten wirkte aber wohl die Androhung von Trainer Rehhagel, sich im Falle eines Friedrich-Rücktritts selbst Gedanken über einen Rückzug zu machen. "Wenn Friedrich aufhört, muss ich meine Position überdenken", sprach der Aufstiegstrainer eine mehr als nur unterschwellige Drohung aus. "Der kleinkarierte Mist muss endlich aufhören!"

Es kam zum ersten Höhepunkt in der Affäre: Mehrere Medien berichteten Mitte August vom feststehenden Rückzugs Friedrichs. In einer Sitzung in der Sparkasse Kaiserslautern einigten sich Präsident Hubert Keßler und seine Stellvertreter Berthold Brandner und Axel Ulmer sowie Manager Briegel für diesen Fall laut Medienberichten ebenfalls auf einen sofortigen Rücktritt. Wieder bezogen wichtige Fürsprecher öffentlich Stellung, der sportliche Höhenflug tat sein Übriges. Friedrich machte vorerst weiter, auch weil eine von kritischen Vereinsmitgliedern geplante außerordentliche Mitgliederversammlung aufgrund der zeitlichen Nähe zur turnusgemäßen Jahreshauptversammlung nicht stattfinden konnte.

Auszug aus der Sport Bild: Ein Bäcker plant den Rehhagel-Sturz
Auszug aus der "Sport Bild"

Rehhagel: "Wer mir dämlich kommt, kriegt was auf die Hörner"

Nun eskalierte der Streit trotzdem, auch weil gegen Landry eine heftige öffentliche Kampagne gefahren wurde. Medial wird der Aufsichtsrat als Heckenschütze und Querulant inszeniert. Die "Sport Bild" greift den Firmenchef des Barbarossa-Bäckerei-Imperiums frontal an, seine Anliegen werden auf eine persönliche Abneigung zum Trainer heruntergebrochen. "Ein Bäcker plant den Rehhagel-Sturz", titelt das Springer-Blatt und der "Kicker" schreibt von einem "Jahrmarkt der Eitelkeiten". Der erfolgreiche, aber auch nicht selten nachtragende Rehhagel nutzte sein gutes Standing durch den sportlichen Erfolg, um sich öffentlich zur Wehr zu setzen und griff Landry an. "Der hätte am liebsten eine Trainings-Checkliste von mir gewollt, um dann Punkt für Punkt abzuhaken. Das kann er in seinem Backbetrieb machen, wo er großen Erfolg hat. Aber er weiß nicht, wie man mit einem Trainer umgeht", so Rehhagel in einem ausführlichen "Kicker"-Interview. "Wer mir dämlich kommt, kriegt was auf die Hörner. Man soll mich in Ruhe arbeiten lassen, dann stellt sich Erfolg ein."

Landry geriet zunehmend in die Defensive. Der Barbarossa-Mann erhielt anonyme Drohungen, einer seiner Brötchenlieferanten wurde gar tätlich angegriffen. Was als konkrete Kritik gegen Vetternwirtschaft und ernste Bedenken an der Lautrer Vereinspolitik begann, wurde dem 68-Jährige nun zum Teil als Einmischung und Geltungssucht ausgelegt. Es entstand eine paradoxe Situation: Der FCK schrieb sportlich ausschließlich positive Schlagzeilen, vielmehr noch wandelte er auf historischen Spuren. Doch intern tobt ein erbitterter Machtkampf, in dem sich auch die Mannschaft positionieren musste.

Martin Wagner erklärte öffentlich, einen sechsseitigen Brief von Landry erhalten zu haben, in dem dieser seine Vorwürfe zusammenfasste. "Da er mir seine Kritik nicht offen sagen kann, schreibe ich ihm jetzt einfach einen Brief zurück", sagte der Mittelfeldmann in der Länderspielpause Anfang September. Bis zur mit Spannung erwarteten Jahreshauptversammlung im Oktober waren es da nur noch wenige Wochen und plötzlich wurde den "Nestbeschmutzern" um Landry vorgeworfen, auch den sportlichen Erfolg zu gefährden. Tatsächlich warteten nach der Länderspielpause zwei wichtige Duelle gegen den Pokalsieger VfB Stuttgart und beim ebenfalls stark gestarteten Karlsruher SC.

Auszug aus dem Kicker: Wer mir dämlich kommt, kriegt was auf die Hörner
Auszug aus dem "Kicker"

Landry tritt ab: "Habe nur meine Pflicht getan"

Ein Antrag auf Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden Friedrich für die anstehende Mitgliederversammlung wird zum Politikum und schnell zum Damoklesschwert stilisiert, das über dem Schicksal des gesamten Vereins schwebt. Zur großen öffentlichen Auseinandersetzung sollte es aber nicht mehr kommen: Denn Landry schmiss kurz vor der Versammlung entnervt hin, trat von seinem Amt als Aufsichtsratsmitglied zurück. Das nach dem Abstieg gestartete "Team Professionelle Zukunft" war nun endgültig zersplittert und Friedrich, Rehhagel sowie der spätere Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Robert Wieschemann hatten die alleinige Deutungshoheit erlangt. "Ich habe nur meine Pflicht getan und Aufsicht geübt", sagte Landry zu seinem Abschied. Kurz darauf entlasteten die FCK-Mitglieder Friedrich mit überwältigender Mehrheit, nicht nur, aber auch frei nach dem Motto: "Hauptsache der sportliche Erfolg stimmt." Aus heutiger Sicht eine kapitale Fehleinschätzung.

Der "Spiegel" widmete sich den Vorgängen zwar weiter, sprach unter anderem von einem "Selbstbedienungsladen", zu dem der FCK verkommen sei. Doch vom Mitglieder-Votum gestärkt setzte sich die Klubführung zur Wehr. Aufsichtsrat Wieschemann, ein stadtbekannter Rechtsanwalt, der den Artikel als "journalistischen Unsinn" bezeichnete, sollte Gegenmaßnahmen erarbeiten. "Wir wissen, dass das, was wir tun, wichtig und richtig ist. Wir werden uns von unserem Weg nicht abbringen lassen", wurde er in einer Mitteilung des "sid" zitiert. Tatsächlich bekamen Rehhagel und Friedrich in einem ausführlichen Interview kurz vor Jahresende 1997 die Möglichkeit, sich zu verteidigen.

Briegel: "Der sportliche Erfolg verdeckt hier vieles!"

Keine Frage: Der Aufsichtsrats- und spätere Vorstandsvorsitzende Atze Friedrich hatte den Kampf und sogar Macht hinzu gewonnen. Erst Jahre später sollte sich zeigen, dass Peter Werner Landry und seine Mitstreiter gar nicht so falsch lagen, was die Kritik an der finanziellen und moralischen Politik des Vereins betraf. "Der Erfolg verdeckt hier vieles. Mit den guten Zeiten kann es schnell wieder vorbei sein", warnte Hans-Peter Briegel noch im Oktober 1997, ehe er wenige Tage nach der Mitgliederversammlung ebenfalls seinen Hut nahm und mit Blick auf Friedrich, Keßler und Rehhagel anfügte: "Nun sind die drei Herren unter sich!"

Vom Aufsteiger zum Meister! Mit der Serie "BetzeHistorie" erzählen wir - neben den Highlights hier auf Der Betze brennt - ausführlich auf Facebook und Twitter die historische Geschichte des 1. FC Kaiserslautern zwischen 1996 und 1998 nach.

Autor: paulgeht

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