Taktik-Nachlese zum Spiel H96-FCK

Die DBB-Analyse: Mächtig Traute in der Raute

Die DBB-Analyse: Mächtig Traute in der Raute

Foto: Imago Images

Der 1. FC Kaiserslautern punktet bei Hannover 96 eindrucksvoll, behauptet sich damit im knüppelharten Abstiegskampf. Und Trainer Funkel führt der Laptoptrainer-Generation vor, was die alte Garde taktisch so drauf hat.

Chance Simakala oder Tobias Raschl oder Daniel Hanslik? Das waren die drei Kandidaten, die für die Position Marlon Ritters gehandelt wurden, der in Hannover nach seiner fünften Gelben Karte aussetzen musste. Friedhelm Funkel hielt seine Lösung bis zur Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellungen geheim. Eine dreiviertel Stunde vor dem Anpfiff musste er es lüften: Erstmal kein Simakala, dafür Raschl und Hanslik. Häh? Wie sollte das denn taktisch zusammenpassen?

In den TV-Interview vor dem Spiel sprach der Coach lediglich davon, dass er aufgrund der jüngsten Trainingsleistungen an den beiden nicht vorbeigehen konnte. In sämtlichen Visualisierungen der vermuteten Grundordnung tauchte Hanslik daraufhin erstmal als rechter offensiver Flügelspieler in einem 4-2-3-1 auf. Die bislang bevorzugte Grundordnung Funkels, und auch denkbar, schließlich hat Offensiv-Allrounder Hanslik auch diese Position schon häufig gespielt. Allerdings in Zeiten, als im Kader nicht außerdem noch ein Aaron Opoku und ein Richmond Tachie zur Auswahl standen, Flügelspieler, die vor allem mehr Speed mitbringen als Hanslik. Was diese Anordnung dann doch nicht so richtig wahrscheinlich machte - oder hatten die beiden Alternativen sich im Training hängen lassen?

Klingt, als käm's von Tuchel: Der FCK "spiegelt" den Gegner

Eingültig löste sich das Rätsel erst, nachdem Schiedsrichter Max Burda in seine Pfeife geblasen hatte. Der FCK formierte sich in einem 4-4-2 mit Raute, so hatte man ihn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Hanslik spielte als zweite Spitze neben Ragnar Ache eine zu ihm passende Rolle, Raschl halblinks in der Raute - und als Zehner und somit Reserve-Ritter Kenny Redondo. Nicht gerade üblich für ihn, hat er aber ebenfalls schon öfter gemacht. Und die Fußballbeschreiberszene war bass erstaunt: Da hatte der alte Trainerfuchs sich was einfallen lassen, was keiner von ihnen sich zuvor auf seinem Laptop zusammengedaddelt hatte.

Torsten Mattuschka, als "Sky"-Kommentator nunmehr so pfiffig unterwegs wie seinerzeit auf dem Stadionrasen in Berlin-Köpenick, fand die treffende Erklärung: "Kaiserslautern spiegelt die Formation von 96". Boah! "Einen Gegner spiegeln", die Formulierung hat einst in Mainz ein gewisser Thomas Tuchel populär gemacht, der Klaus Kinski der Trainerbänke und Inbegriff des hypermodernen Nerd-Coaches. Oldie Funkel ist also voll auf der Höhe der Zeit.

Kaum lange Bälle im FCK-Spiel - und das Zentrum ist dicht

Nächste Überraschung: In dieser Formation versuchte sich der FCK in der Folgezeit an einem geänderten Spielstil. Kaum noch lange Bälle, stattdessen gepflegtes Passspiel von hinten heraus. Kurzer Zahlenvergleich: Laut "Wsycout" lag der Anteil an langen Pässen im FCK-Spiel in der Anfangsphase bei 14 Prozent. Bei Funkels Debüt vor vier Wochen in Nürnberg (1:1) waren es 25 Prozent, in der kurzen Ära von Trainer Dimitrios Grammozis, etwa in der Partie gegen Schalke (4:1), schafften die Roten Teufel phasenweise sogar 30 Prozent.

Und wie mutete das Duell Raute gegen Raute optisch an? Zugegeben, nicht unbedingt erbaulich für Freunde feuriger Fußballdramatik. Es war eng auf dem Platz, vor allem im Zentrum, es waren viele Zweikämpfe zu sehen, die mit Leidenschaft geführt wurden, vor den Toren aber tat sich nicht allzu viel. Für Hannover jagte Nicolo Tresoldi erstmals nach 23 Minuten einen Ball übers Tor, den er im Strafraum annehmen durfte. Zuvor verzeichnete Lautern zwei Torannäherungen, Ache nach einer Ecke, und Filip Kaloc, als er nach einem Einwurf von Jean Zimmer mal von rechts in die Mitte ziehen durfte.

Man darf aber nicht vergessen: Da spielte ein Abstiegs- gegen einen Aufstiegskandidaten, und in der ersten Hälfte war nicht in einer Sekunde zu erkennen, wie diese Rollen verteilt waren. 96-Trainer Stefan Leitl räumte hinterher sogar ein, dass die zurückhaltende Spielweise des Favoriten bis zur Pause dem Respekt vor dem Underdog geschuldet war: "Wir wollten Kaiserslautern nicht in Umschaltsituationen kommen lassen."

Nach der Pause: Wieder mal droht ein Spiel zu kippen

Nach dem Wiederanpfiff allerdings traten die Niedersachsen energischer auf, um den über 40.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion - rund 5.000 Fans waren aus Kaiserslautern angereist - das zu bescheren, was ihr Anhang wohl als "Pflichtsieg" erwartete. Andreas Voglsammer köpfte eine Flanke von Kolja Oudenne knapp am Lautrer Kasten vorbei, Phil Neumann erwischte eine Freistoßflanke von Enzo Leopold nur mit der Schulter. Wieder mal schien ein Spiel in der ersten Viertelstunde nach der Halbzeit zu Ungunsten der Betze-Buben zu kippen.

Dann aber bot sich doch den Gästen die Gelegenheit zu einem Break gegen den sich abzeichnenden Spielverlauf. Dergleichen braucht's halt auch mal im Abstiegskampf, und in einen solchen Genuss sind die Roten Teufel in dieser Saison eigentlich noch nie gekommen.

Und was für ein toller Treffer das war. Ache verlängert im Mittelkreis einen langen Ball von Julian Krahl auf Redondo, der passt zu Raschl, startet selbst sofort in die Spitze. Raschl serviert Redondo das Leder per Außenrist präzise getimt halblinks den Strafraum - und der Linksfuß schiebt es an dem ihm entgegenstürzenden Ron-Robert Zieler vorbei ins lange Eck. Ein Ablauf, den die Pfälzer zuvor im Training geübt hatten, wie Funkel hinterher verriet.

Er ist wieder da: Raschl rennt, serviert - und lässt die Latte zittern

Womit Raschl sich endgültig wieder ins Rampenlicht gespielt hat. Funkel hatte den Mittelfeldspieler bislang erst einmal für acht Minuten gebracht, bei Vorgänger Grammozis stand er zuletzt gar nicht mehr regelmäßig im Kader. Diesmal glänzte Raschl nicht nur mit dieser Torbeteiligung - in der Nachspielzeit setzte er noch ein fulminantes Geschoss an Hannovers Torlatte, das ums Haar noch den Auswärtssieg beschert hätte. Auch den nüchternen Teil des Achter-Jobs erledigte er ordentlich. Marschierte insgesamt 11,5 Kilometer, was den drittbesten Wert im Vergleich aller Aktiven darstellt - übrigens werden auch die ersten beiden Plätze dieses Ranking mit Hanslik (12,0 Kilometer) und Kaloc (12,2 Kilometer) von Lautrern belegt. 84 Prozent Passquote für Raschl sind ebenfalls ein guter Wert.

Leider hielt die Führung nur eine knappe Viertelstunde. Zimmer beharkte sich auf der rechten Verteidigerseite mit Hannovers Linksverteidiger Bright Arrey-Mbi, das Leder rollte zu 96-Zehner Sebastian Ernst, der fackelte nicht lange und drosch eine scharfe Linksflanke in den Fünfmeterraum. Keeper Krahl touchierte der Leder zwar, aber nicht kräftig genug, um aus der Gefahrenzone zu heben, Voglsammer staubte ab.

Der Ausgleich: Hat Krahl nicht richtig zugekrallt? I wo

Der Lautrer Anhang diskutierte anschließend eifrig Schuldfragen. Zimmer war außen vor, weil mit Arrey-Mbi beschäftigt. Entweder hätte Krahl besser zulangen müssen oder Voglsammer besser markiert sein, mutmaßlich von Boris Tomiak, so der Tenor. Wir sagen: Das Beste wäre gewesen, direkt Ernsts Flanke zu blocken.

Es folgte eine Schlussphase, in der Hannover nochmal aufdrehte. Jedenfalls auf dem Papier. Zu seiner Doppelspitze Tresoldi/Voglsammer warf Trainer Stefan Leitl noch Harvard Nielsen und Cedric Teuchert in die Schlacht, also alles an Stürmern, was sein Kader hergibt. Faktisch aber ärgerte die FCK-Hintermannschaft am meisten das ebenfalls eingewechselte Mittelfeldwusel Louis Schaub, das an gegnerischen Abwehrbeinen vorbeiwedelte, als wär's ein Hütchen-Parcours. Ansonsten aber hatten die Betze-Buben ihr Verteidigungsdrittel gut im Griff - außer in einer Szene in der Nachspielzeit, als eine flache Flanke Teucherts quer durch den Fünfer erst von Nielsen verpasst wurde und anschließend Tresoldi sogar durch die Beine rutschte.

Remis macht Mut, Aches Verletzung aber Sorge

Raschls Lattenkracher gegengerechnet, darf unterm Strich von einem gerechten Remis gesprochen werden. Nach dem zunächst mal die Statistik schmerzt: Der FCK hat bereits zum 17. Mal in dieser Spielzeit eine Führung abgegeben. Dennoch handelt es sich hier nicht um die Fortsetzung einer unendlichen Geschichte. Verglichen etwa mit er Art und Weise, wie das 1:0 vor fünf Wochen zuhause gegen Paderborn (1:2) abgab, lagen Welten zwischen dieser und jener Partie. Wie die Roten Teufel nun um die berühmten zweiten Bälle fighteten, wie selbst die Offensivkräfte hinter Bällen herjagten, die sie am gegnerischen Strafraum verloren hatten - das zeigt von einem neuen Spirit, der Friedhelm Funkel zu Recht sagen lässt: "Nach diesem Auftritt bin ich mehr denn je überzeugt, dass wir die nötigen Punkte holen."

Einziger Wermutstropfen - und das ist schon kein Tropfen mehr, sondern eine eiskalte Dusche: Ache musste nach 62 Minuten verletzt raus. Womöglich Muskelfaserriss, wenn nicht schlimmer. Was, wenn er länger ausfällt? In sechs Punktspielen dieser Saison hat der Stürmer komplett gefehlt, in zwei weiteren konnte er wegen Trainingsrückstand nur eingewechselt werden. In diesen Partien holte sein Team nur einen einzigen Punkt, ein 3:3 gegen den Hamburger SV. Die Sorgen sind also nicht kleiner geworden, auch wenn die Leistungskurve nach oben zeigt. Aber warten wir erstmal ab, denn Ache war abgesehen von seinem Bänderriss schon öfter lädiert und dann doch schnell wieder fit.

Die Duell-Bilanz: Tomiak und Elvedi sind eine Wucht

Zu den Grafiken. Zunächst mal wichtig zu wissen: Die Roten Teufel sind diesmal wieder blau visualisiert. Nach expected Goals gewinnen die Hannoveraner, sogar ziemlich deutlich. In erster Linie aber, weil Tresoldis Chance in der ersten Hälfte sehr hoch bewertet wird. Seine Schussposition war in der Tat ziemlich gut, als Drehschuss aber war das Ding aber doch um einiges schwerer zu machen, als so eine Software sich das ausrechnen kann.

xG-Timeline Hannover-FCK

Die Passmap des FCK: Nett anzuschauen. Nach vorne ging's über die Außenverteidiger, weil in der Mitte dicht war. Doch auch die Raute war im Prinzip gut im Spiel. Nur zwischen Niehues (16) und Kaloc (26) würde man sich eine Linie wünschen.

Passmap FCK

Die Passmap der Gastgeber: Macht insbesondere die Chefrolle von Marcel Halstenberg (23) deutlich. Aufbauspiel läuft in erster Linie über ihn. Mannschaft und Trainer wissen, warum. Passquote in diesem Spiel: 93 Prozent. Erstklassig.

Passmap Hannover

Und die Überkreuz-Übersicht der geführten Duelle. Wie immer eine Freude, wie die Innenverteidigung Tomiak/Elvedi sich präsentiert. Wenn die bis Saisonende so stehenbleibt, wird sich die derzeit noch besorgniserregende Gegentreffer-Quote nivellieren. Auffällig auch Stojilkovics positive Bilanz in nur 36 Minuten Spielzeit.

Zweikampf-Duelle Hannover-FCK

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2023/24: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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