Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-SCP

DBB-Analyse:  Der Flutlichtzauber ist erloschen

DBB-Analyse: Der Flutlichtzauber ist erloschen


So stark die erste Halbzeit war, so niederschmetternd war die zweite: Mit dieser 1:2-Heim­nieder­lage gegen den SC Paderborn haben für den 1. FC Kaiserslautern die Schick­sals­woch­en begonnen. Analysen tun not, Konsequenzen wohl auch.

Ja, die erste Hälfte war richtig stark. Scharfes Angriffspressing der offensiven Dreierreihe. Selbst Paderborn-Keeper Pelle Boevink wird immer wieder unter Druck gesetzt, und zunehmend nervöser. Ein starkes zentrales Mittelfeldduo Julian Niehues/Filip Kaloc, das viele Bälle noch in der gegnerischen Hälfte zurückerobert und gleichsam ein ordentliches Passspiel zelebriert. Richmond Tachie gelingt sogar ein Ballgewinn im gegnerischen Strafraum.

Dazu eine Abwehrreihe, der beinahe zuzutrauen ist, dass sie es endlich schafft, dem 1. FC Kaiserslautern das erste "zu null" in dieser Zweitliga-Saison zu bescheren. Ohne den kurzfristig erkrankten Almamy Touré, für den Nikola Soldo ins Team gerückt ist. Als zentraler Innenverteidiger. Jan Elvedi hat die linke, Boris Tomiak die rechte Seite übernommen.

Sogar eine kleine Anpassung der Grundordnung ist zu beobachten: Der rechte Schienenspieler Frank Ronstadt, der sich mit dem jungen Ilyas Ansah starke Duelle liefert und fast alle gewinnt, rückt weiter nach hinten ein, so dass Elvedi mehr zum linken Verteidiger wird und so Tymo Puchacz besser absichern kann. Der macht auf seiner Seite mal wieder so richtig stark Druck nach vorne.

Puchacz ist es auch, der bereits in der dritten Minute das 1:0 durch Elvedi einleitet. Allerdings durch einen Eckball von der rechten Seite, den er mit seinem linken Fuß scharf hinters kurze Eck zirkelt.

Dunkle Vorzeichen gab’s auch schon in Hälfte 1

Natürlich: Nach 13 Minuten offenbarte sich Paderborn plötzlich eine Riesenchance nach einer Freistoßflanke durch Raphael Obermair, in die Innenverteidiger Visar Musliu einfach hineinlaufen durfte - das drei seiner Mitspieler "passiv" abseits standen, juckt heutzutage nun mal keinen Schiedsrichter mehr. Und der starke Ronstadt musste nach 34 Minuten verletzt raus, für ihn kam Jean Zimmer. Wer gerne nach Omen sucht, könnte an dieser Stelle also bereits fündig werden: Es würde eben doch nicht so gut enden, wie es angefangen hatte. Und auch wieder nichts werden mit einem "zu null".

Ja, und die zweite Hälfte war dann richtig schwach. Nichts mehr mit scharfem Angriffspressing. Die Gäste schufen sich nun mehr Anspielstationen hinter der ersten Pressinglinie und kamen so besser ins Aufbauspiel. Nichts mehr mit Zugriff im zentralen Mittelfeld. Die Gäste sicherten sich zunehmend die zweiten Bälle, gewannen in dem Maß die Kontrolle, in dem der FCK diese in der ersten Hälfte ausgeübt hatte. Und setzten sich auch auf den Flügeln immer besser durch.

Und plötzlich sind auch die Fehlerteufel wieder unterwegs

Vor dem Elfmeter, der zum 1:1 führte, düpierte Filip Bilbija den bis dato so starken Kaloc. Eingeleitet worden war der Angriff durch eine ungewollte Kopfballverlängerung der bis dahin ebenfalls tadellos agierenden Soldo, der eigentlich einen langen Abschlag Boevinks direkt an der Mittellinie wieder abpflücken wollte - Aktionen, wie sie in Hälfte 1 noch geglückt waren.

Vor dem zweiten Treffer war es dann erneut Soldo, der nach einer Ecke dem erneut aufgerückten Musliu zu viel Raum ließ. Elvedi, der ebenfalls nah dran war, hatte noch einen Gegenspieler hinter sich. Überhaupt: Eckbälle hatte die Lautrer Hintermannschaft in dieser Saison bislang meist gut verteidigt. Diesmal brach ihr ein Eckstoß das Genick.

Dieser zweite Gegentreffer fiel in der 72. Minute. An so einem Abendspiel auf dem Betzenberg, vor über 36.000 Zuschauern, geht da doch normalerweise noch was. Oder?

Diesmal nicht. Kein Aufbäumen mehr, keine Schlussoffensive mehr. Auch der Flutlichtzauber, der vor dem Spiel heraufbeschworen worden war, ist nunmehr erloschen.

"Leider nicht mehr die Energie gehabt" - Tja ...

Und was macht man nun in der Analyse mit diesen beiden sehr unterschiedlichen Halbzeiten, an deren Ende doch nur eine weitere Niederlage steht? Die sechste im siebten Liga-Spiel mit Dimitrios Grammozis auf der Trainerbank? "Wir haben leider nicht mehr diese Energie der ersten Halbzeit gehabt", kommentierte der Coach hinterher den Einbruch nach 45 Minuten.

Soll man nun weiter darauf hoffen, dass es dem FCK irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft mal gelingt, zwei Halbzeiten so zu spielen wie diese erste? Phasenweise hat die Mannschaft auch schon in den vorangegangenen Partien dieses aggressive, anspruchsvolle und durchaus beeindruckende Angriffspressing gezeigt, selbst zuletzt beim enttäuschenden 1:2 in Elversberg, für ein paar Minuten wenigstens. Über die volle Spielzeit hat sie es allerdings noch nie durchgezogen. Dafür bräuchte es allerdings verdammt viel Energie. Möglicherweise hat die Mannschaft ja nicht genug davon, wie die Endergebnisse regelmäßig zu belegen scheinen. Wäre da nicht eine Strategie angezeigt, die es erlaubt, sich die vorhandene Energie so einzuteilen, dass sie für ein ganzes Spiel reicht?

"Ich bin keiner, der einfach nur vom Klassenverbleib ausgehen möchte. Ich will den maximalen Erfolg, in jedem Spiel", erklärte der Trainer im DBB-Interview im Dezember. Mit nunmehr 21 Punkten nach 21 Spielen, auf einem 16. Tabellenplatz, der im Laufe des Sonntags noch ein 17. werden könnte, dürfte da ein Umdenken dringend angezeigt sein.

Knackpunkt 1: Elfer war’s nicht, aber Schiedsrichterball?

Doch zurück zum Spiel. Viel diskutiert wurde hinterher über mögliche "Knackpunkte" dieser Partie. Dimitrios Grammozis haderte mit einem "zurückgenommenen Elfmeter", der "das 2:0 hätte sein können." Gemeint war die Szene in der 40. Minute, als Keeper Boevink mit dem durchgebrochenen Puchacz zusammenrasselte.

Der VAR vermochte die Szene einigermaßen aufzuklären: Ein Elfmeter war’s auf keinen Fall, weil sich der Zusammenprall vor dem Sechzehner ereignete. Rot für Poevink wär auch übertrieben gewesen, er erwischte außer Puchacz durchaus auch den Ball. Dass es anschließend "Schiedsrichterball" gab, war, zugegeben, schon ein wenig kurios. Es hätte ein Freistoß in aussichtsreicher Position sein können. Mehr nicht.

Knackpunkt 2: Der Dreierwechsel nach 52 Minuten

Knackpunkt zwei: Die Auswechslung des kompletten Offensivtriangels Tachie-Ache-Ritter nach nur 55 Minuten, als es noch 1:0 für den FCK stand. Viele sahen das Spiel der Roten Teufel daraufhin seiner Seele beraubt, wofür nicht zuletzt auch das Endresultat spricht.

Geschäftsführer Thomas Hengen übte sich dazu nach dem Spiel in wenig überzeugendem Whataboutism: Vor zwei Wochen gegen Schalke habe der Trainer den gleichen Dreierwechsel vorgenommen, und aus einem 2:1 sei noch ein 4:1 geworden: "Wenn du gewinnst, war’s richtig, und wenn du verlierst, war’s falsch", gab der FCK-Boss den Fatalisten.

Dazu sei mit dem großen Humoristen Heinz Ehrhardt gekontert: "Nicht alles, was hinkt, muss ein Vergleich sein."

Der Dreierwechsel gegen Schalke erfolgte nach 61 Minuten. Kurz zuvor hatte Ache gerade das 2:1 gemacht und sein Team nochmal hochgepusht, so dass es sich anschließend mental aufgefrischt auf die Konterlauer legen konnte. Diesmal stammte die Führung aus der 3. Minute, und als das Trio ging, war die Partie schon seit Minuten am Kippen, so dass gerade ein "Aggressive Leader" wie Ritter seinem Team dringend weiter Not getan hätte.

Dass Ache nach seiner Auswechslung ziemlich angefressen war, war ebenfalls deutlich zu erkennen. Kaderplaner Enis Hajri versuchte nach dem Spiel zwar, diese plausibler zu machen, indem er auf Verletzungsbeschwerden Aches während der Woche hinwies, aber - nach 55 Minuten? Für zehn, 15 Minuten mehr hätte es bestimmt noch gereicht.

Die Spekulationen sind eröffnet

Der Kollege von der "Rheinpfalz" will via Lippenlesen erkannt haben, dass Dimitrios Grammozis nach der Partie im Spielerkreis diese Niederlage "auf seine Kappe" genommen habe. Dies mochte der Trainer in der darauffolgenden Pressekonferenz nicht bestätigen. Dafür haben Hengen und Hajri nun weiterführende Analysen angekündigt. Zu denen bestimmt auch der Trainer befragt wird. Mal sehen, was die beiden ihm von den Lippen lesen.

Zu welchem Resultat diese Recherchen führen könnten, dazu möchten wir uns an dieser Stelle zu keinen Spekulationen hinreißen lassen. Dies sind auch so schon entbrannt.

Um unserer Chronistenpflicht willen hier unsere üblichen Grafiken. Kommentieren möchten wir sie diesmal nicht. Wir bräuchten ohnehin von jeder Visualisierung zwei Ausführungen: Eine für die erste, eine für die zweite Hälfte.

Hier die xG-Timeline:

xG-Timeline FCK-Paderborn

Die Positions- und Passgrafik des 1. FC Kaiserslautern:

Passmap FCK

Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik des SC Paderborn:

Passmap Paderborn

Und die Überkreuzübersicht über die geführten Duelle:

Zweikampf-Duelle FCK-Paderborn

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2023/24: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

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