Taktik-Nachlese zum Spiel FCK-BVB

Die DBB-Analyse: Eier suchen nach herbem Tiefschlag

Die DBB-Analyse: Eier suchen nach herbem Tiefschlag


War das die Quittung dafür, dass man zu sehr auf einen Ausrutscher der Braunschweiger spekulierte? Der 1. FC Kaiserslautern vergeigt mit dem 1:3 gegen Borussia Dortmund II wahrscheinlich Aufstiegsplatz 2 - und muss sich nun nirgendwo mehr beschweren.

Das letzte Heimspiel der Saison. Für den FCK geht's noch um alles, für den Gegner um nichts mehr. Da sollte ein Sieg doch nur Formsache sein, zuhause, "uffem Betze", vor dieser Kulisse, vor diesen fast 50.000 Fans, oder? Stattdessen jedoch: Kollektives Versagen.

Doch, solche Spiele hat es früher auch schon gegeben. In der Saison 1986/87 zum Beispiel. Bundesliga, 34. Spieltag. Der FCK braucht nur noch einen Sieg, um sich für den Uefa-Cup zu qualifizieren. Für den Gast, den Hamburger SV, ist die Saison bereits gelaufen. Und was geschieht? Der HSV kehrt Lautern mit einem hammerharten 0:4 aus der eigenen Hütte. Einfach so.

Noch schmerzhafter in Erinnerung ist sicher noch die schicksalsschwere Saison 2014/15. Drei Spieltage vor Schluss steht der FCK auf Aufstiegsrang 2. Der FC St. Pauli kommt, in krasser Abstiegsgefahr schwebend und als schlechtestes Auswärtsteam der Liga. Der FCK hingegen hat unter Trainer Kosta Runjaic von seinen jüngsten 21 Heimspielen nicht eines verloren. Aber: Diesmal gewinnen die Kollegen vom Millerntor mit 0:2. Eine Woche später, am vorletzten Spieltag der Saison, fällt der FCK auf Rang 4 zurück. Seither hat sich ihm nie wieder die Chance geboten, ins Oberhaus zurückkehren.

Vom Anpfiff weg: Da war der Wurm drin

In der Partie damals durften die FCK-Fans hinterher wenigstens noch mit ein paar Elfmetersituationen hadern, die zu Ungunsten ihres Teams entschieden worden waren. Und diesmal? Hätte eigentlich sogar noch ein Elfer für den BVB II gepfiffen werden müssen, als René Klingenburg im Strafraum Justin Njinmah umsenste. Toller Spieler übrigens, dieser Njinmah. So schwerelos, wie er über den Platz schwebt, erinnert er ein wenig Frankfurts Europapokalhelden Daichi Kamada. Aktuell ist er vom um den Bundesliga-Aufstieg kämpfenden Werder Bremen ausgeliehen, um in der 3. Liga Spielpraxis und Erfahrungen zu sammeln.

Dass es irgendwie nicht recht zusammenlaufen sollte bei den Gastgebern war schon bald nach dem Anpfiff zu spüren. Erst ein bisschen Rumgeschiebe in der hinteren Reihe, dann Langholz. Okay, der FCK spielt schon die ganze Saison früh und viel vertikal. Diesmal aber war keine Bewegung in der Spitze zu sehen. Kein Ausbrechen von Terrence Boyd und Daniel Hanslik auf die Flügel, kein gut getimtes Durchstarten in den freien Raum, nicht mal das Bälle-Festmachen wollte Boyd so recht gelingen.

Mit all dem hatte das Team von Marco Antwerpen auch schon vor Wochenfrist in Wiesbaden zu kämpfen, doch da lag wenigstens noch Wucht in den Aktionen. Diesmal wirkten die Roten Teufel gehemmt, vor allem auch beim Anlaufen der BVB-Hintermannschaft bei gegnerischem Ballbesitz. Sofern man da überhaupt von "Anlaufen" sprechen will.

Allen Hemmungen zum Trotz: Standards hätten es richten können

Sicher, hätte es der Fußballgott einmal mehr gut mit den Roten Teufeln gemeint, der Führungstreffer wäre dennoch gefallen. Nämlich durch eine Standardsituation, wie sie der FCK in dieser Spielzeit nun endlich draufhat. Philipp Hercher und Daniel Hanslik hatten nach Ecken von Hendrick Zuck und Mike Wunderlich Kopfballchancen, die an glücklichen Tagen einschlagen und so ein verkrampft gestartetes Spiel durchaus entspannen können.

Doch aus dem Spiel heraus gelang den Borussen schon von Beginn an einfach mehr. Seine Torvorbereitung zum 0:1 durch Bradley Fink geriet Christian Viet, rechter Außenbahnspieler des BVB, sogar zur Zirkusnummer: Tanzbärendressur mit Hikmet Ciftci, Hendrick Zuck und Alex Winkler. Schön anzuschauen, sofern man nicht gerade FCK-Fan war.

Halbzeit-Wechsel hätten Wende bringen können - doch fiel das 0:2

Zur Pause versuchte Marco Antwerpen, das Ruder noch einmal herumzureißen. Für Hendrick Zuck kam mit Neal Gibs ein linker Schienenspieler, der auch mal den Weg zur Grundlinie suchte. Und dem auch schon nach wenigen Minuten ein verwertbares Zuspiel in die Mitte auf Boyd glückte, der jedoch verstolperte.

Mit Kenny Redondo für Alex Winkler kam zudem ein geschickter Gassensprinter, der sich ebenfalls ein paar Mal gut in Szene setzte. Winklers Position als linker Innenverteidiger hatte derweil Ciftci übernommen. Doch ehe sich der aufgefrischte FCK-Stil zu so etwas wie Powerplay entwickeln konnte, fiel auch schon das 0:2.

Wie schon in Wiesbaden war es erneut Matheo Raab, der nach einer Ecke des Gegners patzte. Diesmal war es Njanmah, der sich bedankte und abstaubte. Zur Ehrenrettung des Keepers soll aber auch gesagt werden: In den 59 Minuten davor hatte Raab zwei Mal stark pariert, einmal bei einem strammen Linksschuss von Kolbeinn Birgir Finnsson und einmal gegen Richmond Tachie, der frei vor ihm aufgetaucht war.

Der Blick geht jetzt noch Köln: Ein Punkt muss noch her

Den Rest zu analysieren, ist müßig. Immanuel Pherais Konterabschluss zum 0:3 passte wie ein i-Tüpfelchen auf dieses Spiel. Der Kopfballtreffer des eingewechselten Felix Götze poliert wenigstens die erfreuliche FCK-Statistik zu Treffern nach Standardsituationen noch ein bisschen glänzender auf.

Und nun? Küchenpsychologisches Geschwafel á la "Der Druck war zu groß" hilft niemandem. Die Spieler waren nach dem Abpfiff auch so schon ratlos genug. Der Blick richtet sich jetzt in Richtung Köln. Dort braucht es am kommenden Sonntag nochmal einen mentalen Mutmacher und zudem gegebenenfalls auch ein ordentliches Ergebnis, je nachdem, wie die Ergebnisse der Konkurrenten am Tag vorher ausfallen. Klar ist: Der FCK muss nach dem wahrscheinlichen Verlust von Platz 2 jetzt wenigstens ohne Zittereien den dritten Rang sichern. Und mit diesem die Relegationsspiele gegen Dynamo Dresden, den bereits feststehenden Tabellen-16. der 2. Bundesliga. Der Aufstiegstraum ist immer noch realisierbar, insofern ist auch noch nichts verspielt.

Bis dahin gilt: "Wir müssen unsere Eier wieder finden", wie es René Klingenburg nach dem Spiel ebenso griffig wie massentauglich formulierte. Und das gilt nicht nur fürs kickende Personal, auch für so manchen Fan, der vor allem an der Tastatur, aber zum Teil leider auch auf den Rängen seiner Enttäuschung Luft machte.

Sicher, die große Masse in der Westkurve stärkte dem geschlagenen Team einmal mehr vorbildlich den Rücken, aber was mancherorts von den Sitzplatztribünen zu hören war, insbesondere über Marco Antwerpen und Matheo Raab, war Anhängern des Klubs von Fritz Walter unwürdig. Besonders liebreizend präsentierte sich einmal mehr die Spezies, die schon die ganze Zeit über gewusst haben will, "dass es auch diesmal nichts wird mit dem Aufstieg", die sich aber bislang nichts zu sagen traute, damit nicht über sie hergefallen wird.

Zu guter Letzt: Das Wort zum Sonntag

Vor allem für diese, aber auch für die sogenannten "Erfolgsfans" unter den 48.416, die am Samstag den Betzenberg hinauf strömten, wollen wir unsere Analyse mit einer kleinen Predigt schließen. Formuliert hat sie für uns Philipp Kerr, ein schottischer Schriftsteller, der bis zu seinem Tod 2018 ein gewaltiges Werk hinterließ, unter anderem Bestseller wie "Das Wittgenstein-Programm". Kerr hat auch drei Romane geschrieben, die im Fußball-Milieu spielen. Im letzten dieser Trilogie, "Die falsche Neun", findet sich im ersten Kapitel dieser Absatz:

"Seit ich den Fußball wieder mit den Augen eines gewöhnlichen Fans sah, hatte ich etwas wirklich Wunderbares an diesem wunderbaren Sport zu schätzen gelernt. Und zwar: Verlieren lernen ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Fan-Daseins. Verlieren lehrt einen, in den Worten von Mick Jagger: You Can't Always Get What You Want. Das ist eine der wichtigsten Lektionen für einen Menschen - vielleicht die Wichtigste von allen. Lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen, gehört zur Charakterbildung. Rudyard Kipling hat das mal ganz passend ausgedrückt. Es hilft im Leben, wenn man Triumph und Desaster mit der gleichen Gelassenheit betrachten kann. Die alten Griechen wussten, wie wichtig es den Göttern war, dass Menschen Schicksalsschläge klaglos hinnehmen konnten. Sie hatten sogar ein Wort dafür, wenn man es nicht kann: Hybris. Niederlagen schlucken und die Fresse halten macht einen anständigen Menschen aus einem. Nur Faschisten versuchen, einem etwas anderes einzureden."

Amen.

Update, 02.05.: Die xG-Plots: Sieht knapper aus, als es war

Zu den Grafiken. "Expected Goals"-Werte von 1.80 : 2.08 weist die Timeline am Ende aus. Dieses Ergebnis lässt das Spiel knapper erscheinen, als es war. Wie oben schon subjektiv beschrieben, werden die xG-Ausschläge auf Lautrer Seite hauptsächlich von Einschussgelegenheiten nach Standardsituationen verursacht. Wer nicht nur auf den Heimspiellosern herumhacken will, mag vielleicht anerkennen: Nach dem 0:3 haben die Roten Teufel ihre Bemühungen nicht eingestellt, sondern noch ein paar Torchancen kreiert. Sie haben es wenigstens versucht.



xG-Plot FCK-BVB

Zur Position- und Passgrafik. Zur Sicherheit weisen wir wieder mal drauf hin: Linien zwischen zwei Spots entstehen erst ab drei Zuspielen. Dennoch ist zu erkennen: Hanslik ist mit Pässen total unterversorgt worden, außer Ciftci wollte ihn offenbar niemand anspielen. Und in der hinteren Reihe schoben sich Klingenburg und Winkler das Leder zu, bis Klingenburg es auf Boyd zu bolzen versuchte - ja, auch so lässt sich "Ballbesitz" generieren.



Passmap FCK


Zum Vergleich die Positions- und Passgrafik der Dortmunder: Da lief schon mehr in Sachen Passkommunikation. Interessant, wie die Abwehrspieler ihren Keeper in ihr Spiel einbeziehen.



Passmap BVB

Quelle: Der Betze brennt | Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Saison-Übersicht 2021/22: Die DBB-Analysen der FCK-Spieltage

Kommentare 290 Kommentare | Empfehlen Artikel weiter empfehlen | Drucken Artikel drucken