Kummt senf druff

Das Märchen vom schwierigen Umfeld

Das Märchen vom schwierigen Umfeld


Im Zuge der Trennung von Michael Frontzeck beklagten die Verantwortlichen mal wieder das angeblich schwierige Umfeld beim 1. FC Kaiserslautern - eine Ausrede, die bald keiner mehr hören kann.

Einen Tag nach der Trennung von Michael Frontzeck war die Zeit offensichtlich mal wieder reif. Der FCK, diesmal in Person des Aufsichtsratsvorsitzenden Patrick Banf, kritisierte die angeblich so ungeduldigen Fans der Roten Teufel: "Wir haben ein schwieriges Umfeld in Kaiserslautern, da bekommst du nicht die Zeit, die du normalerweise bräuchtest", beklagte er via "Rheinpfalz".

Das schwierige Umfeld - in den vergangenen Jahren, vor allem gegen Ende der Amtszeit von Stefan Kuntz, galt das häufig als eine willkommene Ausrede. Nun also auch unter der rundum erneuerten Vereinsführung im Dezember 2018.

Ausgliederung und volles Stadion: Viel Vertrauen in die Verantwortlichen

Vor ziemlich genau einem Jahr, nach einem trostlosen 0:0 gegen den VfL Bochum, waren die Emotionen im Umfeld, bei den Fans, das letzte Mal so richtig hochgekocht. Einige Anhänger stellten die Mannschaft damals unter der Nordtribüne und verlangten Erklärungen für die schwachen Leistungen. Es war bis zum Knall nach dem Wehen-Spiel im November 2018 das letzte Mal, dass die Fans so richtig aus der Haut fuhren. In den rund zwölf Monaten dazwischen hat der FCK eine Zweitliga-Hinrunde desolat abgeschlossen, Schlüsselspiele verloren, ist zum ersten Mal in seiner Geschichte als Tabellenletzter in die 3. Liga abgestiegen, kassierte eine 1:6-Demütigung im Pokal und verliert den Wiederaufstieg so langsam aus den Augen.

Auf den Rängen blieb es in den vergangenen Monaten trotzdem ruhig, vielmehr noch: Die Mannschaft wurde nach dem letzten Zweitligaspiel in Ingolstadt beklatscht, im Sommer kamen 1.500 Anhänger zum Trainingsauftakt, über 40.000 Zuschauer sahen das erste Heimspiel gegen 1860 München, knapp 7.000 reisten zur ersten Auswärtspartie nach Großaspach mit. Rund 12.500 Dauerkarten wurden verkauft, die neuen Trikots in wenigen Tagen vergriffen, die Ausgliederung mit über 90 Prozent Zustimmung angenommen - Zahlen, auf die andere Klubs teilweise jahrelang hinarbeiten. Die Verantwortlichen im sportlichen und im administrativen Bereich haben mehrmals einen riesigen Vertrauensvorschuss bekommen.

Wehen-Spiel: Erster Frust nach 16 Spielen

Bei welchem vergleichbaren Traditionsklub wäre der Absturz, die anhaltende größte Krise der Vereinsgeschichte, von Fans und Mitgliedern so moderat hingenommen worden?

Und nun brach der Frust zum ersten Mal nach langer Zeit wieder so richtig nach dem 0:0 gegen Wehen Wiesbaden hervor, als die Roten Teufel den nächsten Rückschlag im Rennen um den angepeilten Aufstieg einstecken mussten. Nach 16 Spielen!

Ex-Trainer Michael Frontzeck ordnete die Pfiffe und Rufe auf seine Art ein: Er forderte, die alten Erfolge endlich hinter sich zu lassen und sich mit der 3. Liga zu identifizieren. Aber welcher Fan träumt bei einem 0:0 gegen Wehen Wiesbaden oder bei einem 0:5 gegen Unterhaching noch von der Bundesliga oder gar von Meisterschaften? Sind die Anhänger, die seit Jahren und Jahrzehnten ihrem Verein die Treue halten, der immer kleiner werdende Rest im riesigen Fritz-Walter-Stadion, so vermessen?

Fan-Wut: Es sind keine Träumereien, es ist die blanke Angst

Es ist eine Fehlannahme, die sich seit Jahren hält: Ärger, Frust und Wut entstehen nicht, weil der so stolze FCK in der 3. Liga umherdümpelt. Pfiffe und Trainer-Raus-Rufe gibt es nicht, weil es etwa unter der Würde eines FCK-Fans ist, sich Spiele gegen Lotte oder Münster anzusehen. Es ist die blanke Angst, dass dieser Verein seine Talfahrt nicht mehr aufhalten kann, dass der Tag X näher ist, als jeder noch so schöne Traum von besseren Zeiten. Frontzeck selbst betonte schließlich auch, dass der FCK unabhängig von handelnden Personen nicht mehr viele Chancen habe - um sich dann zu wundern, dass den Fans nach dem x-ten enttäuschenden Spiel der Kragen platzt?

Es geht immer mehr Identifikation verloren. Persönlichkeiten, an denen sich auf dem Betzenberg irgendjemand aufzurichten vermag, gibt es schon lange nicht mehr. Die Vereinsführung hat sich in den vergangen zwei Jahren nahezu komplett verändert. Mit jedem neuen Spielplan gibt es eine fast komplett neue Mannschaft. Wer erreicht noch die Leute in der Kurve? Die Fans geben ihrem Verein seit Jahren viel. Der Verein gibt ihnen seit Jahren immer weniger - und erhebt dann noch Vorwürfe gegen sie?

Autor: paulgeht

Weitere Links zum Thema:

- Biada: "Als Fan wäre ich genauso aufgebracht" (Der Betze brennt)

Kommentare 123 Kommentare | Empfehlen Artikel weiter empfehlen | Drucken Artikel drucken