Kummt Senf druff

Mein Tag der Entscheidung auf dem Betzenberg

Mein Tag der Entscheidung auf dem Betzenberg


Er wurde am Sonntag ausgepfiffen und bepöbelt, als er ankündigte, bei der Frage nach der Ausgliederung mit "Nein" zu stimmen. Hier erzählt FCK-Mitglied Konstantin, warum er den Glauben an die Betze-Familie trotzdem nicht verloren - und sogar neuen Mut gefasst hat.

Als ich in den Zug steige, in die S1, Richtung Neustadt, die erste Etappe auf meinem Weg zurück nach München, ist es 16:35 Uhr. Da ist es schon gute drei Stunden her, die Sache mit diesem "Nein". Ich suche nach dem perfekten Platz, in einer fast leeren S-Bahn, als mich ein junger, allein am Fenster sitzender Kerl anspricht. Fast noch ein Kind, vielleicht fünfzehn. Er sagt was von "Respekt". Dieses Wort habe ich in den letzten drei Stunden öfter gehört. Aber wie der da jetzt drauf kommt, hier, in der S-Bahn, das versteh' ich erst mal nicht. Hat es was mit dem Trikot zu tun, das ich anhabe? Ist es, weil ich FCK-Fan bin? Also, immer noch? Sollte hier aber doch eigentlich nicht so ungewöhnlich sein, oder?

"Ich war oben" sagt er, "ich hab' sie gehört. Als sie da geredet haben. Respekt."

Ich setze mich. Er heißt Lewis. Aber das werde ich erst zwanzig Minuten später erfahren, unmittelbar, bevor ich aussteige. Da werden wir schon beim 'du' sein. Immerhin haben wir uns grad fast eine halbe Stunde über das Wichtigste im Leben unterhalten: Über den FCK.

Na ja. Und das war eigentlich schon die Kurzzusammenfassung. Von einem der schrägsten Tage in meinem schrägen FCK-Leben: Dem 3. Juni 2018. Der in einer Reihe steht, mit dem unübertrefflichen 15. Juni 1991, den ich jedes Jahr feiere, seit damals, ich nehme mir frei dafür, wenn nötig, dem schrecklichen 18. Mai 1996 und dem so einzigartigen 18. Mai 2008.

"Ich werde hier heute, aller Voraussicht nach, mit 'Nein' stimmen"

Denkwürdige Tage. Und jetzt kommt eben dieser 3. Juni 2018 hinzu. Aber von vorne:

12:50 Uhr ist es, als ich auf die Bühne gerufen werde. Von meinem Vorredner habe ich kein Wort verstanden. Obwohl ich in dieser Stadt auf die Welt kam, bin ich des Pfälzischen nicht wirklich mächtig. Aber das ist jetzt völlig egal. Mein erster Satz ist gleich der Schlimmste:

"Ich werde hier heute, aller Voraussicht nach, mit 'Nein' stimmen."

So hatte ich es mir jedenfalls aufgeschrieben. Ob ich das tatsächlich grad so gesagt habe, oder vielleicht völlig anders, entzieht sich meiner Kenntnis - ich bin längst tief im Tunnel. Jedenfalls habe ich das Gefühl, mir schlagen Entsetzen und blanke Empörung entgegen von der Tribüne vor mir. Wenn auch zu diesem Zeitpunkt noch in vergleichsweise stummer Form.

Kurz danach werde ich den vielleicht entscheidenden Fehler machen: Ich versuche, mein "Nein" kurz zu begründen! Mit nur drei kurzen Sätzen, die die so komplexe Argumentation, die ich mir gestern überlegt hatte, die mir angesichts der aufgeladenen Erwartungshaltung auf den Rängen ("Es darf einfach nichts schief gehen, heute - sonst ist der FCK am Ende!") aber viel zu kompliziert und vor allem viel zu lang erscheint, radikal abkürzen und ersetzen:

"Ich denke, der FCK ist so oder so pleite, in drei oder vier Jahren. Mit oder ohne Ausgliederung. Aber ohne Investor fällt es uns leichter, gemeinsam aus eigener Kraft wieder aufzustehen."

Bummm.

Hat der wirklich gerade "uns" gesagt?

So fühlt sich das also an. Wenn man auf dem Betze ausgebuht und ausgepfiffen wird. Wohl nur von einigen wenigen, dafür ziemlich lauten. Aber für dich sind es alle, in dem Moment.

Das hättest du wohl mal besser nicht gesagt. Obwohl du es doch denkst. Völlig egal, Mann!!

Vielleicht wärst du von deinem ersten Satz einfach besser direkt, ohne jede Begründung für deine Einschätzung, weiter gegangen, zu den beiden Appellen, für die du eigentlich an das verdammte Mikro gegangen bist. So stand es schließlich auch auf dem Zettel, den du der schönen Hostess für deine Wortmeldung in die Hand gedrückt hast, als du grad noch da oben hocktest. In dem Feld, wo man die "Frage" an die verantwortlichen Herren auf dem Podium schon mal formulieren sollte. Da hattest du, mit deinem viel zu dicken Marker, nur zwei Worte drauf geschrieben: Zwei Appelle. Das war der Plan. Dein Plan. Und jetzt?

Rufe und Pfiffe von den Rängen - und diese Stimme von links...

Kürzen wir's ab. Auch hier. Wer sich wirklich interessiert, für meine beiden Appelle - obwohl es eigentlich Appelle waren für den Fall, dass mit "Nein" gestimmt wird - der wird hier fündig: "Wortmeldung: Ich werde heute aller Voraussicht nach gegen die Ausgliederung stimmen."

Ich hab das noch mal aufgeschrieben. Für euch. Und für mich. Das, was ich euch eigentlich sagen wollte, als ich da stand. Auch, weil es mir nicht so gut gefallen hat, dass hier, auf Der Betze brennt, danach eine ganze Menge Leute der Meinung waren, dass da jemand komplett planlos ans Mikro getreten ist. Und sich dann nicht wundern muss, wenn die Leute irgendwann unruhig werden und zu buhen anfangen. So war es nicht. Vielleicht war es sogar genau andersrum.

Es kommt nicht mehr zu diesen zwei Appellen, jedenfalls nicht wirklich, nicht so flammend, wie du es geplant hattest. Irgendwas stammelst du zwar noch, in dieser Richtung. Aber da hört schon keiner mehr zu, die Unruhe wird immer größer: Was will der Kerl eigentlich???

Was aber viel irritierender ist, für dich, in diesem Moment, als diese Rufe und Pfiffe von den Rängen - mit denen du eigentlich ganz gut umgehen kannst, du bist schließlich nicht zum ersten Mal auf diesem Berg, so ist das eben, wenn er brennt - ist diese Stimme von links:

Hört das eigentlich die ganze Tribüne? Er fragt dich immer wieder das gleiche, seit du hier stehst, auch in jeder Pause, die du angesichts der Buhrufe einlegen musst, bevor du mit dem, was du sagen möchtest, fortfahren kannst. "Was-ist-denn-jetzt-Ihre-F-R-A-G-E?"

Welche verdammte Frage? Du hast keine Frage. Musst du wirklich eine Frage haben, um hier stehen und reden zu dürfen? Ist es wie in der Grundschule, Matheunterricht, wo nur den Finger heben darf, wer eine Frage hat, an den Lehrer oder noch besser: die passende Antwort auf die Frage des Lehrers? Oder sind wir hier auf der Mitgliederversammlung eines der stolzesten deutschen Fußballvereine, in der es um alles geht, für diesen Verein, darin sind sich alle einig, bei der gerade mal zweiten von zu diesem Zeitpunkt insgesamt nur zwei Wortmeldungen, bei gut 17.000 Mitgliedern, unmittelbar vor der zweifellos folgenschwersten Entscheidung in der Geschichte dieses Vereins. Die letzte Chance, noch einen Gedanken einzubringen, in die Köpfe und Herzen der Mitglieder, vor dem möglichen Schlusspfiff. So eine Art siebte Minute der Nachspielzeit... der Ball segelt noch mal nach vorne... Richtung Strafraum... und aus den Lautsprechern des Stadions dröhnt...: "Was-ist-Ihre-Fraaaage?"

Meine Verfassung nähert sich dem Mittelteil von "Fear and Loathing in Las Vegas". Fünf bunte Buchstaben des Wortes "Frage" kreisen um meinen Kopf. Gleich ist es so weit. Gleich werde ich tun, was du nie, wirklich nie tun darfst, auf diesem Berg: Ich werde innerlich aufgeben.

Ich sage noch ein, zwei Sätze. Und stehle mich dann davon. Immerhin klatschen ein paar. Anerkennend. Wohl eher meinen Mut würdigend, als den unter diesen Bedingungen ohnehin viel zu kurz gekommenen Inhalt. Immerhin, Mann, immerhin. Es sind die Fans, die du liebst.

Stimmabgabe, Rostbratwurst - und viel Zuspruch und Aufmunterung

Und damit beginnt der großartige Teil des Nachmittags, nur noch kurz unterbrochen von einem Abstimmungsergebnis von 92 Prozent, das ich zwar nach wie vor für verhängnisvoll halte - mittlerweile hätte mir das umgekehrte Ergebnis allerdings wohl noch mehr Angst eingejagt.

Es geht zur Stimmabgabe. Das ist jetzt nicht wirklich schwierig. Und dann, endlich, in die Halle. Auf eine lang ersehnte Rostbratwurst. Wurde auch höchste Zeit. Mann, is' die lecker.

Und jetzt kommt's. Das, warum ich euch all das hier überhaupt erzähle. Schon auf meinem Weg vom Mikro zurück auf meinen Platz, dann dort, später auf dem Weg zur Stimmabgabe, zur Bratwurst, zurück auf die Tribüne, schließlich auf dem Weg aus'm Stadion, bis ich in den Zug steige, in dem Lewis sitzt, erlebe ich einfach immer wieder das Gleiche:

Zuspruch. Mal aufmunternd, mal begeistert, mal dankbar. Immer herzlich. Die Worte "Eier" und "Respekt" hab ich vielleicht noch nie so oft gehört, wie in diesen zwei Stunden.

Ich habe ein nettes Gespräch in der Schlange zur Wurst, lerne meinen Sitznachbar, einen sympathischen Landwirt, dessen ehemaliger gastronomischer Betrieb Platz für 150 Leute bot, obwohl der Ort, in dem er sich befindet, nur 120 Seelen zählt, da geht's ihm bisschen ähnlich, wie unserem FCK, näher kennen, und selbst auf dem Weg hinunter vom Berg rufen mir durchs runtergelassene Autofenster noch Leute herzlich ihre Anerkennung entgegen.

Die verdammte FCK-Familie! Deren Oberhaupt, Norbert Thines, gerade mal zwei Reihen über mir saß. Was mich so furchtbar freute, dass ich davon absah, um ein Selfie zu bitten.

Wer braucht ein Selfie, wenn er eine Familie hat.

Na, und irgendwann sitze ich dann eben in dieser S-Bahn. Gegenüber von Lewis. Der nicht wirklich Lewis heißt. Ich hab den Namen hier einfach mal bisschen geändert. Steht ja nicht jeder drauf, dass alle wissen, wo du dir mal wieder deinen sauer verdienten Sonntag um die Ohren geschlagen hast. Und der nicht nur die Dauerkarte hat, sondern auch die verdammte Auswärtsdauerkarte, wie er mir erklärt, mit Stolz, in seinen jungen Augen, völlig zurecht.

Ach ja, und noch was. Ich hab ihn gefragt, wie er eigentlich abgestimmt hat. "Ich durfte leider noch nicht", sagt er, zerknirscht. Das Alter. "Leider. Ich hätte definitiv mit 'Nein' gestimmt."

Danke, Lewis. Dafür, dass Du mir meinen Glauben zurückgegeben hast. An meinen FCK.

Wir werden wieder aufstehen. Danach. Natürlich werden wir das. Wie konnte ich zweifeln!

(Autor Konstantin lebt in München, ist FCK-Fan seit 1979, Mitglied seit dem ersten Abstieg 1996 und fragt sich derzeit, wie lange noch.)

Autor: Konstantin (Gastautor)

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