BetzeHistorie: Der Weg des FCK vom Absteiger zum Deutschen Meister

"Wir haben wirklich um unser Leben gekämpft"

Foto: Iimago / Nordiek

Heute vor 20 Jahren: Mit einem fulminanten 2:0 im Spitzenspiel gegen den FC Bayern feierte der 1. FC Kaiserslautern einen wichtigen Sieg zum Rückrunden-Auftakt. Für die Roten Teufel war es ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum sensationellen Meistertitel 1998.

Sie hatten es noch einmal spannend gemacht: In doppelter Überzahl kämpfte der 1. FC Kaiserslautern am 17. Spieltag der Saison 1997/98 gegen den Hamburger SV um die Herbstmeisterschaft. Doch beim Stand von 1:1 wollte der Ball einfach nicht seinen Weg zum erlösenden 2:1 ins Tor finden. Ein Sieg hätte die Roten Teufel unabhängig von den Ergebnissen der Konkurrenz zum Herbstmeister gekrönt, doch es dauerte bis zur 90. Minute, ehe der eingewechselte Marian Hristov per Kopf den Siegtreffer erzielte und das Fritz-Walter-Stadion bis in seine tiefsten Fundamente erzittern ließ. Der Aufsteiger war Herbstmeister!


Videoquelle: YouTube / Harry Meier

Nachdem Andreas Brehme schon Ende Oktober erstmals vom Titel gesprochen hatte, war nun auch Otto Rehhagel endlich bereit, die Saisonziele zu korrigieren. Wer hätte es dem Trainer-Routinier auch abgenommen, hätte er beim Stand von 39 Punkten nach der Hinrunde weiterhin vom Klassenerhalt gesprochen? Von der Meisterschaft wollte der Trainer zwar nach wie vor nichts wissen, er peilte nun aber immerhin die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb an.

Die Bayern kommen mit viel Wut

Vielleicht stapelte der 59-Jährige etwas tiefer, weil wenige Tage später der Kracher schlechthin in der Bundesliga anstand: Aufgrund der Weltmeisterschaft 1998 war der Spielplan eng getaktet, noch vor Weihnachten fanden die ersten drei Partien der Rückrunde statt - und gleich die erste sollte es in sich haben: Kein Geringerer als der FC Bayern, Dauer-Rivale und erster Verfolger, kam zum Freitagabend-Gipfel auf den Betzenberg.

Die Münchner reisten mit viel Wut an. Nicht nur die jüngste 2:4-Niederlage in Leverkusen hatte die Ehre des Rekordmeisters gekränkt. Der Aufsteiger aus der Pfalz, angeführt vom in München davongejagten Rehhagel, tanzte den Bayern schon seit Saisonbeginn auf der Nase herum und ließ sich von der Tabellenspitze einfach nicht verdrängen - allen Psycho-Spielchen zum Trotz.

Sforza: "Einbrechen? Da höre ich Neid heraus!"

Vor dem Spitzenspiel war es Oliver Kahn, der auf den 2:1-Sieg des FCB wenige Wochen zuvor anspielte. Im Pokal hatten die Bayern den FCK aus dem Wettbewerb gekegelt und damit auch im Meisterschaftsrennen wieder Hoffnung geschöpft. "Wir haben in dieser Saison schon einmal dort gewonnen. Warum sollten wir es nicht ein zweites Mal schaffen?", fragte der Torhüter. Ciriaco Sforza schickte im "kicker"-Interview die passende Antwort: "Wir haben vier Punkte Vorsprung als Erster. Das ist kein Zufall. Wer behauptet, wir würden noch einbrechen, soll dieser Meinung sein. Bei solchen Reaktionen höre ich Neid heraus."

Nun also war am Nikolausabend der große Show-Down gekommen - wieder ein Flutlichtspiel im Fritz-Walter-Stadion, wie so viele davor und danach in der Meistersaison 1997/98. Bei kalten Temperaturen kochte der Betzenberg förmlich über. 38.000 Zuschauer verwandelten das Fritz-Walter-Stadion in ein Tollhaus. Und einer sollte an jenem Abend eine besondere Rolle einnehmen: Andreas Buck. Der Sommer-Neuzugang beackerte die rechte Seite und stellte mit seinen Läufen und seinem Kampfeswillen die Münchner vor große Probleme. "Buck interpretierte die Rolle auf der Außenbahn nahezu wie ein klassischer Rechtsaußen, so dass Tarnat zum linken Verteidiger wurde", hieß es in der Analyse des "kicker".

Buck: "Das 1:0 war mein Tor, darauf lege ich wert!"

Der von vielen zuvor erwartete Sturmlauf der Lautrer blieb allerdings erst einmal aus. Geschickt ließ der FCK den Gegner kommen, schließlich musste das Team von Giovanni Trapattoni gewinnen, um die Meisterschaft wieder spannend zu machen. Außerdem galt es, den Münchnern nicht zu viel Raum und zu viele Chancen zu geben. Schließlich seien die Bayern "auch keine Murmeltruppe", wie Buck das taktische Verhalten seines Teams später bei "Premiere" erklärte. Einmal hätte es tatsächlich beinahe geklingelt. Carsten Jancker schoss aus 15 Metern ins linke untere Eck, stand aber zuvor im Abseits und musste seinen Jubel unter hämischem Applaus der Westkurve mit versteinertem Blick abbrechen.

Der FCK selbst setzte Nadelstiche - und brachte den Betze kurz vor der Pause zur Explosion. Buck schlich sich in den Strafraum ("Ich habe da normalerweise nichts zu suchen"), machte bei einer Hereingabe von links den entscheidenden Schritt auf den Ball zu und lenkte das Spielgerät damit in die Maschen. Ein "erzwungenes" 1:0, denn an Bucks Treffer hatte auch Dietmar Hamann seine Aktien, der den Ball noch abfälschte. "Kaiserslauterns 1:0 war ein Eigentor von mir", gab der Unglücksrabe nach dem Spiel zu. Buck dagegen erklärte mit sinnbildlichem Lautrer Selbstbewusstsein: "Das 1:0 war mein Tor, darauf lege ich wert!"

Hristov macht den Deckel drauf - mal wieder

Auch in der zweiten Hälfte lief das Spiel für die Pfälzer, wobei es die Rehhagel-Elf verpasste, mit dem 2:0 frühzeitig für klare Verhältnisse zu sorgen. Doch mit Sforza im Mittelfeld, der sich einmal mehr als Spielmacher und Taktgeber erwies, gab der FCK das Spiel nicht mehr aus der Hand, setzte zudem auf seinen schon so häufig in dieser Saison gezeigten unbändigen Willen. "Wir haben wirklich um unser Leben gekämpft", sagte Buck, der schließlich kurz vor dem Schlusspfiff die Vorentscheidung einleitete.

In der 85. Minute trieb er mal wieder den Ball nach vorne und setzte Marian Hristov im Strafraum mit einer Flanke in Szene. "Es war ein hervorragender Pass von Marco Reich in den freien Raum. Ich habe in die Mitte geschaut und Marian gesehen und gehofft, dass der Pass ankommt", beschrieb der Dauerläufer die Entstehung des 2:0. Hristov, wie schon gegen Hamburg in den Schlussminuten zur Stelle, drückte die Kugel vor der frenetischen Westkurve vorbei am machtlosen Kahn ins Tor.


Videoquelle: YouTube / Australautern

Janckers Mittelfinger - Hoeneß' Zorn

Das nächste Ausrufezeichen in einer sagenhaften Saison war gesetzt und ganz "nebenbei" der Vorsprung auf die Bayern um drei weitere Punkte auf nun sieben Zähler aufgestockt.
"Deutscher Meister wird nur der FCK!", skandierte die Westkurve in ohrenbetäubender Lautstärke, während bei den Bayern die Nerven nun erst recht blank lagen. Stürmer Carsten Jancker etwa verabschiedete sich auf dem Weg in die Kabine mit ausgestrecktem Mittelfinger von den FCK-Fans.

Und natürlich war auch Uli Hoeneß in Rage. "Rehhagel kann noch siebenmal mit Kaiserslautern Meister werden, trotzdem wird er kein Trainer für den FC Bayern", stichelte der Manager und knöpfte sich auch gleich noch Sforza vor. "Wenn ich den in Kaiserslautern sehe, dann habe ich den Eindruck, der war bei uns ein Jahr in der Schauspielschule. In München habe ich den nie so viel laufen sehen, auch in Mailand war er nur ein Stehgeiger“, wetterte Hoeneß.

Pech nur für den Bayern-Manager, dass der Stehgeiger und Rehhagel mit den Roten Teufel unbeeindruckt weitermarschierten - einem ganz großen Ziel entgegen.

Vom Aufsteiger zum Meister! Mit der Serie "BetzeHistorie" erzählen wir - neben den Highlights hier auf Der Betze brennt - ausführlich auf Facebook und Twitter die historische Geschichte des 1. FC Kaiserslautern zwischen 1996 und 1998 nach.

Autor: paulgeht

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