Kummt Senf druff

Verbindung erfolgreich hergestellt

Verbindung erfolgreich hergestellt


Fünf Zweitligaspiele und eine Pokalpartie sind rum. Für „Der Betze brennt“ zieht Marky ein erstes Fazit. Was ihn überrascht hat, was ihm gefallen hat, was nicht und auf was er hofft, lest Ihr in seiner Kolumne.

Es ist Freitagabend. Ich sitze im Garten. Im Dunkeln. Seit einer Dreiviertelstunde. Seit Schiedsrichter Benjamin Brand das Spiel in Aalen abgepfiffen bzw. verpfiffen hat. Ich wünsche ihm den Teufel an den Hals. Mindestens. Freunde sind zu Besuch, eigentlich wollten wir grillen, doch daran ist in meiner Verfassung nicht zu denken.

Auch am Morgen danach wache ich mit Wut im Bauch auf. Versuche mir den Frust im Forum von „Der Betze brennt“ von der Seele zu schreiben, chatte, simse, telefoniere. Meine Nachspielzeit läuft immer noch. Erst am späten Nachmittag, in einem Weinberg zwischen Neustadt und Edenkoben, finde ich meinen Frieden. Weil meine Frau sagt: „Seh’s doch so, jetzt konntest du wenigstens mal wieder mitfiebern…“ Das ist es. Das ist der Punkt.

Wie sehr haben wir uns das gewünscht, wie sehr haben wir uns danach gesehnt - mitzufiebern, mitzuleiden. Nach diesen Jahren der Distanz und dieser Leere in unseren Fußballherzen, die zuletzt immer größer wurde.

Verbindungsaufbau

Schon beim zweiten Spiel in dieser noch jungen Saison passierte etwas, was ich mir lange gewünscht hatte. Wegen des kleinen Stadions von Sandhausen konnten sich Spieler und Fans in die Augen schauen. Und beide Seiten nahmen das Angebot an. Und in diesen Blicken war Neugierde, Vorfreude, Authentizität. Es wurde sich zuapplaudiert. Nicht übertrieben, aber dennoch bestimmt. Neuzugang Philipp Hofmann versuchte zuerst routiniert zu lächeln, so wie Fußballer das eben tun, wenn sie Kontakt mit der Kurve aufnehmen. Doch dann konnte er seine Züge nicht mehr unter Kontrolle halten und lachte breit. Wie ein Schulbub. Selbst Karim Matmour, der am Hardtwald eine Halbzeit zum Vergessen gespielt hatte, wurde mit stürmischen Beifall auf seinem Weg zur Auswechselbank begleitet.

„Was ist denn hier los?!“, fragte ich mich auch in Wiesbaden. Als über weite Strecken in diesem Stadionprovisorium eine Stimmung herrschte, als würde der FCK nach langer Abstinenz mal wieder ein Auswärtsspiel im Europacup bestreiten. Da wurde mehr als zwei Stunden (inklusive Halbzeit) mit einer Inbrunst gesungen, dass es mir mehrmals eine mächtige Gänsehaut über die ausgebreiteten Arme jagte. Vorsänger Kempf drohte gar die Halsschlagader rauszuspringen. Dabei gab das Spiel vor der Verlängerung wenig Anlass zu diesem Höllenlärm. Aber es war wieder dieser Draht da. Nach einer nicht enden wollenden Serie von Fehlversuchen konnte die Verbindung zwischen den Netzwerken Fans und Mannschaft erfolgreich hergestellt werden.

„Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der Betze her“

Wir alle hatten uns mit gemischten Gefühlen auf diese Saison vorbereitet (siehe DBB-Kolumne „Auf Sparflamme“). Manche hatten Angst, manche Frust. Manche fühlten gar nichts mehr. Und doch konnte man sich auf eines wieder verlassen: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der Betze her. Wir alle waren reif für diese Aufholjagd. Wir waren bereit. Als der Schiedsrichter Tobias Sippel gegen die Löwen unberechtigt vom Platz stellte und es 0:2 zur Pause stand, waren auch die letzten Zutaten angerichtet. Der FCK lag - wie oft in seiner Vereinsgeschichte - verletzt auf dem Boden. Und er tat, was er immer tat: Er stand auf.

Aufholen. Aufbäumen. Anrennen. Das liegt uns im Blut. Es steht uns so viel besser als dieser zu groß geratene Favoriten-Anzug. Als Matmour den Ball über den leeren Kasten jagte, da ging der Energiepegel auf dem Betze bereits in den tiefroten Bereich. Und Kenner wussten, es würde der kleinste Funke auf dem Platz genügen, um alle Lampen zum Platzen zu bringen. Als Lakic schließlich diesen perfekten Kopfball ins Tor setze, da kam es zur Explosion. „Und wir dachten, wir hätten beim Tor von Götze im Finale gejubelt“, sagte ein Freund mit leuchtenden, ungläubigen Augen, als wir in der Westkurve uns alle wieder entknäult hatten.

Der FCK und seine Fans in ihren natürlichen Rollen

Der 1. FC Kaiserslautern ist mit Beginn dieser Saison wieder in seine natürliche (Außenseiter-)Rolle geschlüpft. Ob knappe Kassen oder doch Vernunft zu dem viel beschworenen Philosophiewechsel geführt haben - geschenkt. Ohne die großen Namen der beiden Vorsaisons ist der FCK bei gegnerischen Fans und Trainern jetzt eben nicht mehr der voraussichtliche Sieger. Kriegen Auswärtspartien nicht per se Pokalcharakter. So sprach Sandhausens geschätzter Coach Alois Schwartz vor der Partie gegen seinen Ex-Klub von einem sportlichen Kräftemessen „auf Augenhöhe“. Und das was folgte, gab ihm Recht.

Auch bei uns Fans hat sich die Erwartungshaltung geändert. Einem Jean Zimmer verzeiht man einen Fehler eher als einem Florian Dick. Wenn Hofmann das leere Tor nicht trifft, dann kommt man schneller drüber weg, als wenn Mo Idrissou oder Olivier Occean es ihm gleich täten. Anders gesagt: Wir müssen jetzt nicht mehr mit verschränkten Armen das Gebotene kritisch beäugen. Wir können wieder unterstützen, aufbauen, bestärken, beflügeln.

Kollektivfördernd ist auch, dass sich die Männer im immer noch gewöhnungsbedürftigen orange-rot als Mannschaft präsentieren. Bei Hofmanns Siegtor gegen die Löwen war die Ersatzbank schneller beim Torschützen als die zehn Lautrer auf dem Platz. Auch im Pokal fieberten alle beim Elfmeterschießen mit. Und als in Aalen der Schlusspfiff ertönte, wollte keiner bei der Rudelbildung fehlen. Wann hat man solche Szenen das letzte Mal gesehen?

Das erstaunliche Comeback von Heintz und Lakic

Einem tut die Nestwärme besonders gut. Er übernahm in Wiesbaden die Verantwortung des finalen Elferschusses. Zeigte Nervenstärke: Dominique Heintz. Gerade das Selbstbewusstsein des 21-Jährigen hatte in den letzten beiden Spielzeiten schwer gelitten. Er war unter die Räder eines Vereins gekommen, der mitunter die Orientierung verloren hatte. Heintz heute (63% gewonnene Zweikämpfe, 8 Fouls in 5 Spielen) ist der Beweis, dass die sportliche Leitung um Kosta Runjaic und Markus Schupp einen Prozess in Gang gesetzt hat. Eine Entwicklung, die für alle sichtbar ist. Genauso überraschend wie das Comeback von Heintz ist die sportliche Genesung des Srdjan Lakic.

Fünf Spiele, vier Tore - darunter zwei wichtige Elfmeter, FCK-Kapitän: Ganz ehrlich, das hätte ich Lakic nicht zugetraut. Nicht nach diesen Irrwegen und seiner oft gruseligen Verfassung in der Rückrunde. Warum sollte jemand, der finanziell ausgesorgt hat, noch mal seinen inneren Schweinehund überwinden. „Der FCK ist mein Schicksal, das ist mein Verein. Der Verein hat eine Seele, das findest du nicht überall“, sagt Lakic, der mit seinen knapp 31 Jahren der älteste und erfahrenste im Kader ist. Und dieser Verein hat zu ihm gestanden, hat Weitblick bewiesen. Das muss bei aller berechtigten Kritik an der Transferpolitik der letzten Jahre auch einmal gesagt werden.

Struktur schlägt Namen

Dazu hat sich Kosta Runjaic wieder freigeschwommen. Seine Pinselstriche auf der grünen Leinwand sind deutlich zu erkennen. Der Trainer hat eine feste Mannschaft, der er vertraut, der er Fehler zugesteht. Kevin Stöger gelang von der Bank kommend gegen 1860 alles, gegen Sandhausen nichts und trotzdem nahm ihn sein Coach gegen Wehen nicht aus der Startelf. Auch einem Alexander Ring tut die Rückendeckung sichtlich gut. Aus dem sensiblen Finnen ist eine richtige Kampfsau mit Pferdelunge geworden. Gegen Frankfurt machte er einen Sprint zurück über das halbe Feld und vereitelte einen gefährlichen Konter des Gegners mit einer Grätsche (!).

Ebenfalls eine Konstante ist Marcel Gaus. Manche können nicht verstehen, warum Runjaic ihm und nicht Amin Younes den Platz auf der linken Seite vor Chris Löwe anvertraut. Gaus werde oft kritisch gesehen, weil ihm mal ein Ball wegspringt, aber er arbeite sehr viel für die Mannschaft, lobt der Trainer. In Younes sieht er einen brillanten Techniker, der auf engstem Raum sogar Eins-zu-zwei-Situationen sucht. „Er weiß aber, dass das Spiel auch defensiv geführt werden muss. Wir legen, wie sein Ex-Trainer, viel Wert auf Struktur“, wird Runjaic sehr deutlich. Struktur schlägt Namen. Das ist neu. Zuletzt wurde beim FCK eher eine Pseudo-Struktur um Namen aufgebaut.

Was passiert nach der ersten Niederlage?

Eine entscheidende Frage ist, wie nachhaltig ist das Beschriebene. Was passiert nach der ersten Niederlage? Bricht dann das Kartenhaus wieder genauso eindrucksvoll zusammen, wie es entstanden ist? Es ist ja nicht so, dass es im Kader kein Konfliktpotential gibt. Hofmann ist nach Lautern gekommen, um zu spielen. Younes auch. Und dann gibt es jetzt auch noch Kerem Demirbay, der in der Form seines noch jungen Fußballlebens ist. Das war schon in der Vorbereitung des HSV zu erkennen. Für ihn - und natürlich andere auch - ist der Betze eine Bühne, um vorzuspielen. Von ihm hat man gegen den FSV Frankfurt Sachen auf dem Platz gesehen, die jedem Fußball-Liebhaber das Herz erwärmen. Aber dann war da eben auch dieser dunkle Fleck: Diese Szene, als Demirbay wie ein ICE an den Güterzügen aus Hessen vorbeirauschte, als sich das Stadion ehrfürchtig erhob, als sich Demirbay endgültig zum King of Betze krönen wollte, aber dann eben nur das Haupt des guten Klandt traf. Aberwitzig frei stand sein Mannschaftskamerad Lakic neben ihm. Aber Demirbay sah in diesen Sekundenbruchteilen nur sich, stellte seinen individuellen Erfolg über den der Mannschaft. Und was wird eigentlich jetzt aus Stöger?

„Es wird spannend, wie wir das zusammen komponieren, um die beste Elf zusammenzubekommen“, weiß Runjaic um die Fragen, die er zu beantworten hat. Mit Fürth, Union Berlin, Nürnberg und Karlsruhe stehen schwere Prüfungen für die jüngste Mannschaft der zweiten Liga an. Dafür braucht sie Unterstützung von allen. Und ihr ist zu wünschen, dass das unmittelbare und mittelbare Umfeld, sprich die Verantwortlichen und die Fans, die Nerven bewahren und diesen Weg - der sich richtig anfühlt - weitergehen. Ob dies gelingt, ist völlig offen.

Autor: Marky

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