Fragen, Antworten und Anekdoten zur Geschichte des FCK.

Beitragvon Kohlmeyer » 24.11.2021, 11:51


Bild
Foto: Imago Images

Fast vergessene FCK-Spieler: Axel Brummer wird 60
"Ich hätte in keiner anderen Zeit spielen wollen"

Er galt einst als eines der größten Talente des 1. FC Kaiserslautern, doch der Durchbruch blieb ihm verwehrt: Axel Brummer, der am Donnerstag 60 Jahre alt wird. In seiner "Fußball­fibel" hat Eric Scherer ihm vor zwei Jahren diese Zeilen gewidmet.

Freitag, 23. November 1979

Freitagsspiel, Flutlichtspiel. Diesmal kommt Werder Bremen. Es ist die Saison nach Kalli Feldkamps spektakulärem Einstand in der Pfalz, bei dem er mit dem 1. FC Kaiserslautern 30 Spieltage lang in der Tabelle vorneweg marschierte, ehe der Hamburger SV noch vorbeizog. Diese Spielzeit ist nicht so gut angelaufen. Der FCK ist nach 14 Spieltagen nur Zwölfter, Bremen kommt als Tabellen-14. Also kein Spiel, bei dem es prickelt. Oder doch?

Bei uns Fans in der Westkurve prickelt es immer, vor Flutlichtspielen sowieso. Und Kalli Feldkamp hat ein besonderes Schmankerl angekündigt. Heute Abend wird uffem Betze ein Nachwuchsspieler sein Profi-Debüt geben. Axel Brummer heißt der junge Mann. 17 Jahre alt ist er, nicht mal volljährig. Normalerweise werden Talente erst über Kurzeinsätze ans Profiteam herangeführt, ehe sie das erste Mal in der Startelf stehen. Bei Kalli Feldkamp nicht unbedingt. Er hat dem Jungen schon zwei Tage zuvor mitgeteilt, dass er spielt, und zwar vom Anpfiff weg. Und es dann der "Rheinpfalz" gesteckt, sodass die Zeitung es am Morgen ankündigen konnte. Kalli halt. 

Axel Brummer ist nur vier Monate älter als ich, viele Zuschauer in der West sind ungefähr in unserem Alter. In unserem Jahrgang ist es noch üblich, dass jeder Junge Fußball spielt, egal, wie gut oder schlecht. Wer nicht im Verein kickt, bolzt nachmittags auf irgendeiner Wiese oder einem Sandplatz mit Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft. Und nach einer besonders gelungenen Aktion, einem tödlichen Pass, einem Dribbling oder einem Torschuss, beginnt das Kopfkino zu flimmern: Was, wenn es auch bei dir reichen würde? Wenn du es uff de Betze schaffen könntest, in die Erste Mannschaft? Wenn du eines Tages da unten einlaufen könntest, vor der Westkurve, bei Flutlicht?

Axel Brummer hat geschafft, wovon alle in unserem Alter träumen. Hat uns gezeigt, wie es geht. Mit so einem kann man sich identifizieren, natürlich insgeheim und nur mit dem Herzen, denn der Kopf weiß nur zu gut, dass es nichts mehr werden kann mit der Karriere als Betze-Profi, dazu müsste man mit 17 Jahren viel weiter sein, schon im Junioren-Fußball Herausragendes geleistet haben.

Axel Brummer ist mit seinen 1,78 Metern nicht größer als die meisten von uns, und muskulär betrachtet ebenfalls nur ein Hämpelche oder ein Huschdeguzje, wie der Pfälzer sagt. Aber Fußball spielen kann er. Haken schlägt er wie ein Hase - links antäuschen, rechts antäuschen und vorbei am Gegner. Er spielt Linksaußen.

Der FCK gewinnt 3:1. Die drei Treffer hat Benny Wendt schon nach 19 Minuten gemacht, Hans-Peter Briegel hat alle drei vorgelegt. Axel Brummer wird nach 70 Minuten ausgewechselt, war an keinem Treffer beteiligt, hat einmal knapp übers Tor geschossen.

Und seine Feuertaufe unterm Strich blendend bestanden. In der Rückrunde wird er noch stärker auftrumpfen.

Im März 1980 schlägt der FCK den Tabellenführer Hamburger SV uffem Betze mit 4:2. Den Ball zum 1:1-Ausgleich flankt Axel Brummer auf die Stirn von Benny Wendt. Auf seiner linken Seite muss er sich dabei immer wieder gegen den Nationalspieler Manfred Kaltz behaupten. Brummer habe ihm "eine Wendeltreppe ins Rückgrat gespielt", schreibt die "Rheinpfalz".

Nur vier Tage später geht es uffem Betze gegen die Bayern. Uefa-Cup-Viertelfinale, Hinspiel. In der 57. Minute zieht Axel Brummer von der linken Seite in die Mitte und mit rechts vom Sechzehner ab - drin. Der FCK gewinnt 1:0, unterliegt im Rückspiel aber 1:4. Schade.

Mit diesem Axel Brummer scheint es unaufhaltsam aufwärts zu gehen. Das wird mal ein ganz Großer, den werden wir am Betze nicht lange halten können, der landet in Mailand, Madrid oder Barcelona, egal, außer München gönnen wir ihm alles. Die Kölner haben auch so ein Riesentalent auf dem Flügel, das ist ein Jahr älter als Brummer und wird demnächst sein erstes Länderspiel bestreiten. Pierre Littbarski heißt der Junge, ebenfalls ein wirklich geiler Dribbler. Doch unser Axel hat auch drauf, was dieser Littbarski draufhat. Aber sicher. Axel ist einer nach unserem Geschmack. 

Freitag, 28. Dezember 2019

Keine Villa in grüner Südhanglage, kein Penthouse im Nobel-Viertel Mailands, Madrids oder Barcelonas. Swimmingpool gibts weder auf dem Dach noch im Garten. Stattdessen sitzen wir in einem einfachen Einfamilienhaus im Ortskern Partenheims, einer 1.500 Seelen-Gemeinde in Rheinhessen. Auf dem Tisch stehen noch selbstgebackene Plätzchen von Weihnachten, die rühren wir natürlich nicht an. Idealfiguren haben wir zwar nicht beide nicht mehr, aber das, was an Linie noch da ist, wollen wir uns nicht mit aller Gewalt ruinieren, wir zwei - zwei Herren im Alter von nunmehr 58 Jahren.

Die Eltern und die beiden erwachsenen Töchter wohnen in Steinwurfweite, das ist nie anders gewesen. So richtig von zuhause weggekommen ist Axel Brummer nie. Als er ins 60 Kilometer entfernte Kaiserslautern zog, damals, im Alter von 17 Jahren, um seine Chance am Betzenberg zu suchen und gleichzeitig eine Banklehre zu absolvieren, sei das für ihn "wie ein Weltuntergang" gewesen, erzählt er. Auch von den beiden anderen Stationen seiner fußballerischen Laufbahn, Offenbach und Wiesbaden, ließ es sich immer schnell nach Hause zurückpendeln. Anders hätte Axel Brummer nicht leben wollen. Oder können. Eben, weil es im Leben noch andere Dinge gibt als Fußball.

Mailand, Madrid, Barcelona? Damit ist es nichts geworden. Insgesamt vier Jahre spielte Axel Brummer für den FCK, kam zu 73 Pflichtspiel-Einsätzen. In seiner letzten Saison 1983/84 stand er nur noch acht Mal in der Startelf, elf Mal wurde er eingewechselt. Irgendwann habe man ihm mitgeteilt, dass sein Vertrag nicht verlängert werde, erzählt er mir. Ansonsten sei nicht mehr viel mit ihm gesprochen worden. Also habe er das Angebot aus Offenbach angenommen. Die Kickers spielten damals Zweite Liga.

Wie? Ihn, das Supertalent, das Eigengewächs, der Junge, der das Zeug hatte, es Pierre Littbarski gleichzutun, der am Ende 73 Länderspiele bestritt - ihn haben sie damals so einfach vom Betzenberg ziehen lassen, in die Zweite Liga? Hat niemand mal mit ihm geredet, zu analysieren versucht, warum es mit ihm, dem Supertalent, nach seiner fulminanten ersten Bundesligasaison im Alter von nur 17 Jahren, nicht mehr weiter nach oben gehen wollte?

Axel Brummer hebt die Schultern. "Ich lese auch immer, wie viel die Trainer heute angeblich mit ihren jungen Spielern reden. Mit mir hat eigentlich nie jemand viel geredet." Auch Kalli Feldkamp nicht, auch nicht vor seinem Debüt, damals gegen Werder Bremen. "Er hat zwei Tage vor der Partie zu mir gesagt: 'Du spielst', und das war’s." Natürlich habe Feldkamp ihn immer mal gelobt, wenn ihm im Training etwas besonders gut gelungen sei, aber sonst? Dennoch ist Axel Brummer sich sicher: "Wenn es einen Trainer gab, unter dem mir der ganz große Durchbruch hätte gelingen können, dann Kalli Feldkamp."

Nach Feldkamp erlebte er noch Rudi Kröner, Dietrich Weise und Manfred Krafft am Betzenberg. Weise war zuvor Axel Brummers Chef bei der deutschen U20-Junioren-Auswahl. 1981 wurden beide in Australien Junioren-Weltmeister. Einige aus dieser Mannschaft - etwa Rüdiger Vollborn, Michael Zorc oder Roland Wohlfarth - starteten danach in ansehnliche Bundesligakarrieren, andere landeten in unteren Klassen, eine große Laufbahn in der deutschen Nationalmannschaft war keinem aus diesem Jahrgang beschieden. Dabei hatte ihr Talent doch ausgereicht, im weltweiten Vergleich mit anderen Nachwuchshoffnungen die Nummer Eins zu werden. Wieso ist da nicht mehr gekommen?

Axel Brummer kann nur für sich selbst sprechen: "Ich habe eigentlich nie den ganz großen Karriereplan in der Tasche gehabt", erzählt er heute. "Ich habe die Dinge immer genommen, wie sie gekommen sind, und das, was ich erleben durfte, genossen." Beispielsweise die Uefa-Cup-Spiele gegen Real Madrid. Das 1:3 im Bernabéu-Stadion hat er als Zuschauer auf der Bank erlebt, beim 5:0 im Rückspiel war er sieben Minuten dabei, überwältigende Erlebnisse seien beide Spiele gewesen.

Ansonsten hätten ihm vielleicht "die Ellbogen" gefehlt, ergänzt er nach einiger Überlegung. Der Egoismus, den es braucht, um keinen anderen an sich vorbei zu lassen. "Die Stars in unserem Team haben uns ihre Ellbogen immer spüren lassen", erinnert er sich. "Ich habe mich immer an die stilleren Typen gehalten, an Wolfgang Wolf, Michael Dusek oder Bruno Hübner. Wir haben oft zusammengesessen und Karten gespielt." Hübner war es auch, der ihn nach sieben Jahren in Offenbach zum SV Wehen holte - und ihm den Job bei Wehens Hauptsponsor Brita verschaffte, welchen Axel Brummer heute noch ausübt.

Ob er es heute als Fehler ansieht, die Ellbogen nicht stärker eingesetzt zu haben? "Hab ich nie. Ich bin so, wie ich bin. Ich habe gerne in dieser Zeit Fußball gespielt und hätte in keiner anderen spielen wollen. Heute wirst du als junger Spieler in eine Luftblase gesteckt und kommst dann nicht mehr raus."

Der Trainer, der ihm neben Kalli Feldkamp am meisten imponierte? Das war Fritz Fuchs, ein Lautrer Urgestein, das allerdings nie den 1. FC Kaiserslautern coachte. Fuchs war in Offenbach Brummers Chef, wurde bald gefeuert und durch Horst Heese ersetzt. "Dennoch kam er später auf die Weihnachtsfeier der Mannschaft und hat dort Gitarre gespielt - das sind Verhaltensweisen, die ich großartig finde."

Dankbarkeit empfindet das einstige Supertalent heute in erster Linie für seinen Vater Willi. "Er hat mich zum Fußball gebracht, mich zunächst drei Mal in der Woche nach Mainz ins Training gefahren und danach nach Kaiserslautern." Obwohl Willi Brummer beruflich stets stark eingebunden war. Axel wiederum hat in den vergangenen Jahren seinen Schwiegersohn unterstützt, der für die Spielgemeinschaft Partenheim/Jugenheim aktiv war, "allerdings nur im Hintergrund, denn ich brauche keine Bühne." Als sich die SG im Sommer vom Schwiegersohn trennte, mochte auch Axel nicht mehr. Seither hält er sich mit Joggen und Radfahren fit - gerade so viel Sport, wie sein künstliches Hüftgelenk es zulässt.

Seinen ersten Bundesliga-Aufritt uffem Betze, als 17-Jähriger gegen Werder Bremen, hat er nie vergessen. "Das hat schon etwas Magisches - wenn du plötzlich auf dem Rasen stehst, der in Flutlicht getaucht ist, und die West hinaufschaust, von der du bis vor kurzem noch nur hinuntergeschaut hast."

Jetzt steht er wieder regelmäßig dort. "Ich gehöre zu so einer Fußballer-Clique, die meisten stammen aus Gau-Bickelheim, und natürlich sind alle jünger als ich. Aber sie nehmen mich immer gerne mit uff de Betze." Ob er in der Westkurve noch erkannt wird? "Ja, ab und zu. Aber selten."

Eric Scherers 2020 erschienene Fußballfibel "1. FC Kaiserslautern" aus der bekannten Reihe der Bibliothek des Deutschen Fußballs ist nach wie vor für 12,99 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3730816592) oder direkt beim Autor zu beziehen (auf Wunsch mit persönlicher Widmung).

Quelle: Der Betze brennt / Autor: Eric Scherer



Beitragvon Betzekind70 » 24.11.2021, 12:44


De Axel ..... stimmt da war Mal was... Anfangszeit von mir uff em Betze. Flinker Bursche war er echt aber auch genau so schnell wieder weg vom Fenster.... Hätte ihm eigentlich auch mehr zugetraut.



Beitragvon teufelwiesbaden » 24.11.2021, 15:01


Ich erinnere mich noch grob an die Rheinpfalz-Schlagzeile
nach dem 1-0 Sieg gegen die Bavern:

"Der kleine Axel ließ die großen Bayern brummen..."
:lol: :teufel2:
"Eines weiß man,wenn du das versuchst, wenn du glaubst in die Sache, wenn du gibst nie auf, dann ist wirklich in Fußball alles möglich."
Milan Sasic am 18.05.2008



Beitragvon Dr. diab. rub. » 30.11.2021, 16:44


Ein ehemaliger Kollege von mir hat vor Jahren mit großem Respekt von seinen Begegnungen mit Axel Brummer im Amateurfußball berichtet, als dieser mit dann schon deutlich über 40 Jahren bei seinem Team die Defensive zusammengehalten hat:

"Der ist halt nicht mehr so schnell wie früher, aber er weiß genau, wo er auf dem Platz sein muss. Und er hat immer noch eine Wahnsinnstechnik. Wenn Du an dem vorbei willst, wackelt er mal kurz mit dem Hintern und weg ist der Ball."
Dies ist keine Signatur.




Zurück zu Vereinshistorie

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste