Hall of Game: Bayer Uerdingen - 1. FC Kaiserslautern 3:7 (1990/91)

Als die

Als die "namenlosen Aufsteiger" die Liga aufmischten

Jubel bei Demir Hotic, Guido Hoffmann und Stefan Kuntz (v.l.n.r.); Foto: Imago

In den vergangenen Jahrzehnten haben der 1. FC Kaiserslautern und der inzwischen umbenannte KFC Uerdingen des Öfteren die Klingen gekreuzt. Eine Partie vor mehr als 28 Jahren war dabei besonders torreich - und ließ für den weiteren Saisonverlauf aufhorchen.

Wie viele Menschen sich an jenem späten Samstagnachmittag im VIP-Raum des Uerdinger Grotenburg-Stadions gedrängt haben, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass einer von ihnen Karl-Heinz Feldkamp war. Der Trainer des 1. FC Kaiserslautern richtete stumm den Blick auf einen Bildschirm, der nüchtern eine denkwürdige Erstliga-Partie zusammenfasste: Mit 7:3 hatte der FCK kurz zuvor Bayer Uerdingen, der Vorgängerverein des heutigen KFC, deklassiert. Ein Ausrufezeichen.

Wann immer sich Uerdinger und Kaiserslauterer gegenüberstanden, Grund zum Jubeln gab es häufig. Bis heute sind 31 Pflichtspiel-Duelle notiert, in denen die Torhüter satte 120-mal hinter sich greifen mussten. Das Torverhältnis spricht mit 73:47 deutlich für die Roten Teufel. 5:0, 6:1 oder 5:2 - der FCK hat es gegen die mit Unterbrechungen 14 Jahre zur Bundesliga gehörende Werkself häufig krachen lassen.

Mit Retter Feldkamp im Aufschwung

Doch alles überstrahlt jenes 7:3 am 7. Spieltag der Bundesliga-Saison 1990/91. Noch im Jahr zuvor war der FCK dem Abstieg in die 2. Bundesliga knapp entkommen. Der Retter hatte lockige angegraute Haare, war damals 55 Jahre alt und riss den strauchelnden Traditionsklub aus seiner Lethargie: Feldkamp bewahrte den Betze nicht nur vor dem Absturz, er führte das Team auch noch ins Pokalfinale, das Stefan Kuntz & Co. mit 3:2 gegen Werder Bremen gewannen.

Ausgerechnet Kuntz - mit jenem Stürmer, der in Lautern schnell unverzichtbar wurde, hatte Feldkamp bei seinem Amtsantritt im Februar 1990 noch alte Differenzen auszuräumen gehabt. Einen wenig harmonischen Umgang hatten beide in der Saison 1986/87 gepflegt - als Angestellte in Uerdingen.

Im Spätsommer 1990 war das Verhältnis beider Protagonisten aber schon längst wieder gekittet. Kuntz hatte das Vertrauen von Feldkamp. Und der konnte sich wiederum auf seinen Angreifer verlassen. Kuntz war es, der wenige Tage zuvor im Europapokal-Hinspiel gegen Titelverteidiger Sampdoria Genua das entscheidende 1:0 erzielt hatte.

Nur 7000 Zuschauer sind in der Grotenburg dabei

Nun also wartete für beide das Auswärtsspiel an alter Wirkungsstätte. Noch am Abend sollte Kuntz im "ZDF"-Sportstudio sitzen und den Lautrer Aufschwung erklären. Mit vier Siegen, einer Niederlage und einem Remis hatte der FCK einen beachtenswerten Saisonstart hingelegt. In der Vorsaison nur zwei Punkte vor der Abstiegszone gelandet, spielten die Pfälzer in der neuen Spielzeit frech und munter auf.


"Kicker"-Schlagzeile nach dem 7:3-Sieg des 1. FC Kaiserslautern in Uerdingen.

Mit dieser unbekümmerten Einstellung ging das Feldkamp-Team auch in das Spiel am 22. September in der Grotenburg. In diese hatten sich nur knapp 7000 Zuschauer verirrt, trotz deutschem Fußball-Aufschwung. Erst wenige Wochen zuvor war dem DFB-Team in Rom der dritte WM-Triumph geglückt, die bevorstehende Wiedervereinigung versprach frischen Wind und Nationaltrainer Franz Beckenbauer träumte davon, “auf Jahre hinaus unschlagbar” zu sein.

All das war an diesem Septembertag jedoch weit entfernt. Aus Kaiserslautern mischte sich eine Gruppe von rund 300 Schlachtenbummlern unter das Uerdinger Publikum - trockener Bundesliga-Alltag nach einem Jahrzehnt rauem Fußball-Dasein. Wer hätte sich vorstellen können, dass diese Partie für Furore sorgen sollte?

Viele Tore waren im grauen Bundesliga-Alltag selten



Zehn Minuten lang deutete nicht darauf hin, dass dieses Spiel in irgendeiner Weise anders sein sollte, als andere. Die Gäste zeigten zwar, dass sie mit breiter Brust angereist waren, doch erst nach 13 Minuten nahm der Wahnsinn sein laufen. Den Anfang machte Tom Dooley, der nach mustergültiger Vorlage sträflich frei zum 1:0 einschieben durfte. Zwar ging dem Treffer eine Abseitsposition voraus, doch sämtliche Zweifel an der Lautrer Überlegenheit machte Marco Haber mit einem absoluten Traumtor neun Minuten später zunichte.

Der Distanz-Schlenzer des Youngsters weckte wohl auch die Gastgeber, die immerhin durch Rainer Zietsch nach einer Ecke zum Anschlusstreffer kamen (29.). Nur drei Minuten später stellte Guido Hoffmann (32.) aber den alten Abstand wieder her. Dann traf Uerdingens Holger Fach nach einem Querschläger zum 3:2-Pausenstand aus Gäste-Sicht.

Fünf Tore zur Pause - zumindest ein kleiner Hinweis, dass das Spiel ein wenig aus der damaligen Zeit fallen sollte. Die Vorsaison 1989/90 hält bis heute den Bundesliga-Rekord der wenigsten Tore. Nur 2,6 Treffer fielen im Schnitt. Dem schleichenden Defensivwahn wurde erst Jahre später durch die Einführung der Drei-Punkte-Regel entgegengewirkt.

Die Anzeigetafel kann nicht alle Torschützen erfassen



Fünf Tore waren in der Grotenburg allerdings erst die halbe Miete. Im zweiten Durchgang nahm das muntere Scheibenschießen kein Ende. Erst schoss Hoffmann mit einem starken Solo das 4:2 (47.), dann begünstigte ein Fehler von Torhüter Gerry Ehrmann das 3:4 durch Uerdingens Michael Klauß (48.). Verunsichern konnte das die Lautrer nicht, denn die ohnehin wacklige Bayer-Defensive nahmen die Roten Teufel nun so richtig auseinander. Senkrechtstarter Frank Lelle (58.), Bjarne Goldbaek (70.) und Stefan Kuntz (84.) schossen den rauschenden 7:3-Sieg heraus. 7:3 - ironischerweise das Ergebnis des Sensations-Comebacks der Uerdinger wenige Jahre zuvor im Europapokal gegen Dynamo Dresden.

Nun aber zeigte die Anzeigetafel, die die Fülle der Torschützen gar nicht erfassen konnte und deshalb die ersten vier Treffer unterschlug, eine der bittersten Schlappen in der Vereinsgeschichte der Werkself, die am Saisonende aus der Bundesliga absteigen sollte. Von einem "Heimdebakel", "desolaten" Hausherren und einem "Versagen" auf ganzer Linie schrieb der "Kicker". Ein "Triumph wilder Entschlossenheit" sei dagegen der Lautrer Kantersieg gewesen. Das "Sensationsteam mit relativ namenlosen Fußball-Aufsteigern" aus der Pfalz habe das Potenzial, noch weit zu kommen.

Feldkamp hätte sich "zwei Tore" mehr gewünscht



Doch wie weit? "Wenn wir das Spitzenspiel gegen Leverkusen nicht verlieren, mischen wir noch lange oben mit", kündigte Lelle im "Kicker" mit Blick auf die nächste Partie an. Sein Trainer gab sich etwas zurückhaltender. "Dass das heute so ein Scheunentor war, konnte man nicht wissen. Wir haben das gut ausgenutzt, aber es hätten noch zwei Tore mehr sein können", kritisierte Feldkamp mit einem Augenzwinkern beim "ZDF".

Was die Stunde geschlagen hatte, wusste Kalli aber spätestens, als er im VIP-Raum des Uerdinger Stadions genau auf die kleine Anzeigetafel schaute. Denn als das Ergebnis dort verblasste, wurde die Tabelle angezeigt - die den FCK vor dem FC Bayern und allen anderen Konkurrenten auf Rang eins zeigte. "Ich habe es auch ohne Brille ganz genau lesen können", sagte Feldkamp - nicht wissend, dass seine Mannschaft in dieser Saison nicht das letzte Mal auf dem Spitzenplatz stehen sollte.

» Zum Video: Kaiserslautern schlägt Uerdingen 7:3 (Saison 1990/91)


Autor: paulgeht

Weitere Links zum Thema:

- Statistik zum Spiel: Bayer Uerdingen - 1. FC Kaiserslautern 3:7 (2:3)

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