Kummt Senf druff

Gerry, wir brauchen dich!

Gerry, wir brauchen dich!


In diesen Tagen wird viel darüber diskutiert, wer bleiben darf, wer gehen muss und wer kommen soll. Dabei geht es um Spieler, die meist nicht mal drei Jahre das FCK-Trikot getragen haben. Und den Trainer. Ein Name wird dabei selten genannt. Obwohl sein Vertrag zum Saisonende ausläuft, obwohl sein in der Gerüchteküche bereits kolportierter Abgang jedem FCK-Fan das Herz zerreißen würde: Gerry Ehrmann.

Meine Geschichte beginnt an einem Abend im April 1987. Südweststadion, Ludwigshafen. Es war das Spiel, das mich süchtig nach diesem Verein werden ließ. Das Spiel, nach dem ich schwor, mit diesem Verein durch dick und dünn zu gehen, treu bis in den Tod. Und dieses Spiel hatte einen (tragischen) Helden: Gerald Ehrmann.

Ich kannte vorher Torhüter wie Uli Stein, die den 16-Meter-Raum zum Box-Ring umfunktioniert hatten, aber ich hatte noch nie einen Torhüter erlebt, der die eigene Spielhälfte (!) zu seinem Revier erklärte und diese große Grünfläche verteidigte, als ginge es um sein Leben. Nein, das war nicht nur ein Tor-Hüter, sondern ein Torjäger-Jäger. Einer, der einen Entschluss fasste, der nicht abwartete, der über seine Schmerzgrenze ging. Einen, den nichts auf seinem (langen) Weg (zum gegnerischen Stürmer) abbringen konnte. Ein Ball konnte an ihm vorbeikommen, ja, aber nie Ball plus Spieler.

Es ist 25 Jahre her, aber ich glaube mich zu erinnern, dass Ehrmann bei der von mir beschriebenen Partie, Waldhof Mannheim gegen Kaiserslautern, mehr außerhalb als im 16-Meter-Raum anzutreffen war. Ehrmann kassierte in dem Spiel seine fünfte gelbe Karte der Saison, hielt zwei Elfmeter. Insgesamt gab es vier Strafstöße gegen den FCK. Als der Schiedsrichter in der Nachspielzeit Lautern das 4:4 wegen Abseits aberkannte, sah ein Mann rot. Nur weil seine Mitspieler und die Ersatzleute (!) eingriffen, konnte Schlimmeres verhindert werden.

„Sieger zweifeln nicht und Zweifler siegen nicht“ und „man darf weder sich noch den Gegner schonen“ sind Grundsätze von Ehrmann. Wie muss er sich gefühlt haben, als der FCK im Februar 2012 auf dem Ochsenkarren durch den Mainzer Spaßtempel gezogen wurde. Als die gegnerischen Stürmer ihre Tore ausgelassen und ungestört vor der FCK-Kurve feierten. Als niemand sich zur Wehr setzte, mal ohne Kompromisse dazwischenhaute. Keiner sich für den Erfolg quälte. Wer Ehrmann nach dem Spiel ins Gesicht schaute, konnte erahnen, was sich hinter der immer noch mächtigen Brust abspielte. Diese versteinerte Miene tat noch mehr weh als das 0:4.

In Ehrmanns kantigen Zügen lässt sich schon immer ablesen, wie es um den FCK bestellt ist. Der wilde und wütende Ausdruck der 1980er, der weit aufgerissene Sieger-Mund der 1990er, die nachdenkliche Mimik des neuen Jahrtausends, die am 18. Mai 2008 regelrecht entfesselt wurde. In jenem Jahr also, in dem der Sensenmann schon auf dem Betzenberg wartete, sagte Ehrmann mal: Zu seiner Zeit habe man nach einem schlechten Spiel den nächsten Samstag herbei gesehnt, um alles wieder gut zu machen. Heute sei das anders: „Der Hass fehlt.“ Und weiter: „Hass wäre einem fast lieber. Manchmal hat man den Eindruck, als ob es den Leuten grad egal ist, was passiert.“

Gleichgültigkeit, fehlende Einstellung, Mutlosigkeit, mangelnde Ausstrahlung - all das bekam Ehrmann auch in der laufenden Spielzeit von seinem Platz aus auf der Bank geboten. Allerdings so geballt, dass sein Weltbild wohl arg erschüttert wurde. Und er wird dieser Wut unzweifelhaft nicht nur einmal Ausdruck verliehen haben. Ob es die Kabinentür traf und/oder einen Spielkameraden - Axel Roos und Dieter Trunk lassen grüßen - ist unklar.

Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Gerry beim ersten kommenden Zweitligaspiel nicht mehr als einer der Ersten auf den Platz läuft, dass er nicht mehr - so lässig, wie nur er es kann - in die Kurve winkt. Dass da keiner mehr ist, der seine Torwart-Erben mit Vollspannschüssen aus fünf Metern auf Temperatur bringt. Gerry gehört für Alt und Jung zum Betze wie das Stadionlied und die Westkurve. Seit 1984 ist er ein Roter Teufel - das muss man sich mal vorstellen. 1984 führte Apple den Macintosh ein, Richard von Weizsäcker wurde Bundespräsident, Ronald Reagan regierte die USA, das Privatfernsehen startete in Deutschland und Gerry Ehrmann wechselte vom 1. FC Köln nach Kaiserslautern.

Natürlich ist es eine kuriose Geschichte, dass Ehrmann gerade in Köln-Müngersdorf seinen größten sportlichen Erfolg mit dem FCK feierte. Aber aus dieser denkwürdigen Saison ist mir in Bezug auf Ehrmann das Heimspiel gegen Gladbach fast noch mehr in Erinnerung geblieben: als ihm der Meisterball förmlich aus den Händen glitt. Auch wenn Ehrmann Spitznamen wie „Tarzan“ oder „Chuck Norris aus der Pfalz“ trägt, auch wenn er schon mal Pressspan-Auswechseltafeln auf provozierende Fans schmeißt, schätzt man ihn beim FCK doch nicht nur wegen seiner vermeintlichen Superhelden-Kräfte, sondern vor allem wegen seiner Fehlbarkeit, seiner Menschlichkeit, seinem großen Herzen. Weil er so oft hingefallen, aber immer wieder aufgestanden ist. Auch nach Barcelona, nach José Maria Bakero.

Fehler hat Ehrmann auch seinen Jungs, den Wieses, den Weidenfellers, den Fromlos, Trapps und Sippels verziehen, die er seit 1996 trainiert und schon mal über Fahrräder springen lässt. Allerdings dürften die Fehler nicht aus Überheblichkeit oder Angst passieren. Schließlich sei - auch so ein Ehrmann-Zitat - ja noch keiner vom Ball erschossen worden.

Gerry, im September 2010 hast du mal in einem Interview gesagt, dass du noch zehn Jahre weiterarbeiten möchtest. Aber als du am Samstag in Berlin allein noch mal in die Kurve gekommen bist, sah das für einige nach Abschied aus. Wir reden hier oft über Tradition, aber mal ehrlich, viel davon ist uns nicht mehr geblieben. Dich können wir nicht auch noch verlieren. Noch nicht. Denn keiner verkörpert den FCK wie du. Deshalb an dich ein flammendes „Nie mehr SV Waldhof“ und an alle da draußen: Lasst uns zusammen anstimmen, in den Foren, auf Facebook, am Samstag im Stadion: „EEEHRMANN, EEEHRMANN, EEHRMANN...“

Autor: Marky

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