Hall of Fame: Axel Roos

Sing us a song, you're  the piano-man!

Sing us a song, you're the piano-man!


Wenn man über Erfolge beim 1. FC Kaiserslautern spricht, fallen einem natürlich die sechs Titel schnell ein, die aus den 1950ern und die aus den 1990ern eben. Übersichtlich. Wenn man dann nach dem erfolgreichsten FCK-Spieler fragt, würden viele sicher die Walter-Brüder, Eckel, Kuntz, Briegel, Brehme und Co. nennen, und dabei einen vergessen, der von Juli 1979 bis Mai 2001 insgesamt 22 Jahre lang seinem FCK die Treue hielt, nie wechselte, obwohl es auch schwere Zeiten gab. Nur zwei Spielern gelang es, zwischen 1990 und 1998 alle vier Titel zu gewinnen.

In diese Zeit fiel auch der Sieg beim ersten gesamtdeutschen Super-Cup 1991 gegen Bremen, der Hallenmeistertitel 1997 und die gefühlte Meisterschaft 1994, als Helmer den Ball hintenrum ins Netz schoss. Er war immer dabei. 328 Spiele alleine in der ersten und zweiten Liga machte er für seine Teufel, schoss dabei 17 Treffer. Damit ist er Fünfter in der Liste der Lautrer Rekordspieler, nur eine Partie hinter dem legendären Seppl Pirrung, den er sehr verehrt, mit dem er befreundet war - und hinter Spielern, die er schon als Bub aus der alten Westkurve hat spielen sehen: Melzer, Schwager, Diehl. Dann kommt er. Kein Kuntz, kein Kadlec, kein Briegel, kein Brehme, kein Ehrmann, kein Hellström: Der Piano-Mann - Axel Roos.

Mit Werner Melzer spielte er noch zwei Jahre zusammen. Er wechselte spät, 1979 als B-Jugendlicher, von seinem Heimatclub SG Thaleischweiler-Fröschen zum Betzenberg. Sein Vater hatte ihm das Fußballer-Gen in die Wiege gelegt, spielte lange beim FKP zu den besten Regionalligazeiten von „der Klub“. Am 19. August 1984 wurde Axel 20 Jahre alt. Wahrscheinlich dachte sich der damalige FCK-Trainer Manni Kraft, dass ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk nicht schaden könne, als er Axel eine Woche darauf, im ersten Saisonspiel 1984/85 gegen den VfB Stuttgart in der 62. Minute einwechselte. Es folgten 16 Bundesligajahre, in denen er stets zum Einsatz kam - unvergleichbar beim FCK!

Anfangs war er Mittelfeldmotor, kam in seiner ersten Saison auf fünf Einsätze, nur einer davon über 90 Minuten, immerhin ein unvergessenes 6:0 gegen den 1. FC Köln am letzten Spieltag. In der Folgesaison waren es schon zwölf Spiele, ehe Trainer Hannes Bongartz auf eine fabelhafte Idee kam: Er funktionierte Axel Roos zum Stürmer um. In einer Mannschaft, in der mit Sergio Allievi und Harald Kohr zwei Topstürmer waren, dazu ein Dieter Trunk auf der Bank, zwei offensive Mittelfeldspieler mit Wolfram Wuttke und Frank Hartmann obendrein. Und was machte Axel? Er spielte - 29 Mal! Im Sturm! In diesem Jahr traf ich Axel zum ersten Mal, bei einer Platzeinweihung im Nachbardorf, ich war 13. Da wusste ich noch nicht, dass er später einer meiner Heroen werden würde.

Am 13. September 1986, um etwa 16:50 Uhr nachmittags, hallte der Torschrei über den Betzenberg, der FCK hatte gegen die verhassten Bayern zum 1:1 ausgeglichen - der Endstand. Torschütze: Der vier Minuten zuvor eingewechselte Axel Roos, sein erstes Bundesligator. Gegen die Bayern, gegen wen sonst? Heldenblut.

Die stürmische Phase hielt dennoch nur für eine Spielzeit, nur zwei Jahre später fand Axel sich zum ersten Mal hinten wieder, wo er dann später auch dauerhaft heimisch wurde. Oft als defensiver Mittelfeldmann, oft hinten rechts, manchmal gar links. Beckenbauer würde sagen: „Der Axel, des iss' oan Allrounder!“ Bis der vielleicht beste FCK-Trainer aller Zeiten, Kalli Feldkamp, ihn etwas „aus dem Spiel“ nahm.

Warum? Axel glaubt es zu wissen. Am 28. November 1987 spielte der FCK in Frankfurt, die Eintracht seinerzeit unter Trainer Feldkamp. Roos schaltete den damals besten Zehner der Liga und vielleicht Europas, Lajos Detari, völlig aus, manchmal auch ein wenig robust, sah dafür Gelb. Feldkamp war sauer und zeigte das Axel auch deutlich, als dieser kurz vor Schluss den Platz verließ. Es kam Jürgen Lutz und der machte das entscheidende 2:0 für den FCK. Roos ist sicher: Als Feldkamp 1990 zurück an den Betze kam, hatte er noch Brass auf ihn. Axel spielte noch einmal durch, danach war er draußen.

Feldkamps größter Fehler: Im Hinspiel des Europapokals der Pokalsieger gegen Sampdoria Genua (1990) siegte der FCK durch ein Kuntz-Tor am Betze, Axel Roos spielte eine überragende Partie gegen den russischen Spielmacher Michailitschenko im defensiven Mittelfeld. Im Rückspiel setze der Trainer in der Regenschlacht von Genua auf „Offensive“, brachte Goldbaek für Roos. Branca schoß den FCK eine Viertelstunde vor Schluss raus, auf Vorlage von Michailitschenko. Die erfolgreichen Jahre zwischen 1990 und 1993, auch unter Feldkamps Nachfolger Rainer Zobel, wurden so der kleine Tiefpunkt seiner Bundesligazeit, Roos war wieder Bankdrücker.

Trotzdem machte er 1990 noch 23 Spiele, 1991 dann nur ganze neun. Seine Konkurrenz damals im Mittelfeld des kommenden Deutschen Meisters: Schupp, Scherr, Dooley, Goldbaek, Hoffmann. Keine von Pappe!

Es folgte eine schwere Verletzung, die ihn nochmals in der Aufholjagd zurück warf und somit auch seine Nationalmannschaftsträume endgültig beendete. Axel Roos war damals mehrfach auf dem Sprung in die Nationalmannschaft, doch das Schicksal meinte es auch hier nicht gut. Der Trainer unter dem er als Jugendspieler nie den Sprung schaffte war Berti Vogts, und just als Axel in der besten Form seiner Karriere war, war Vogts Nationaltrainer. So blieb es beim FCK - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Erst 1993, unter dem neuen Trainer Friedel Rausch, konnte er sein Tal überwinden und gehörte wieder zum Stamm, ab der Saison 1994/95 spielte er dann bis zum Karriereende endgültig hinten rechts. In den Saisons 1994/95 und in der Meistersaison 1997/98 machte er jeweils 31 Spiele und war Garant für mache gewonnene Schlacht. Schade für Axel, dass er in den beiden letzten Spielen der Meistersaison 1998, ausgerechnet beim entscheidenden Spiel gegen Wolfsburg und beim Showdown in Hamburg, fehlte. Er lag mit einer Herzmuskelentzündung im Krankenhaus, verpasste so die Meistersause, zu der er selbst einen wichtigen Teil beigetragen hatte.

Unwiederbringbar seine Duelle mit dem Gladbacher Martin Dahlin. Axel konnte ja alles leiden, aber keine Schwalbenkönige! Schon beim ersten Aufeinandertreffen der beiden im DFB-Pokal 1993 zeigte Roos dem Schweden die Grenzen auf, Lautern siegte 3:2. 1995 behielt dann Dahlin die Oberhand, Gladbach siegte im Halbfinale mit 1:0, stoppte Lauterns Weg nach Berlin. Dieses Spiel war das wohl umkämpfteste der beiden „Antipoden“, beide bekamen jedoch nur Gelb. Nur Dahlin sah in den insgesamt sieben Spielen gegen Axel einmal Rot.

Absolutes Highlight meiner Erinnerungen an „Mister FCK“ aber bleibt das 6:3 gegen Borussia Dortmund am 20. September 1994, eines der besten Betze-Spiele aller Zeiten. Axel Roos „zerstörte“ Stephane Chapuisat, trotz dessen Treffers zum 0:1, weitestgehend über 120 Minuten und war neben Olaf Marschall, der trotz Verletzung zur ersten Führung nach 102 Minuten traf, für viele an diesem Tag der beste Mann. Und für viele war es auch sein bestes Spiel überhaupt für den FCK. Für gefühlte 90 Prozent der Aktionen in diesem Spiel oder in den Partien gegen Dahlins Gladbacher, würde jeder Schiedsrichter heutzutage sofort Gelb ziehen, wenn nicht sogar mehr. Damals war das Ligaalltag und für Axel galt: „Du kommst vielleicht einmal an mir vorbei, aber beim zweiten Mal nur ein Teil von dir!“ Dabei blieb er immer hart, aber fair.

Überhaupt: In 16 Jahren Bundesliga verbuchte Axel Roos nur zwei rote Karten, dazu einmal Gelb-Rot und 44-mal den gelben Karton. Für einen Spieler der hinten den Laden dichthält und das relativ humorlos, nach Lautrer Manier eben, ist das ein klasse Wert! Immer hat er versucht, Hans-Peter Briegel nachzueifern. Ihn nennt er in einer Befragung durch „11 Freunde“ den „größten Sportler aller Zeiten“, sicher humorvoll gemeint, aber in seiner Anfangszeit war es vielleicht wirklich so für ihn.

Die beiden sind auch heute noch eng befreundet, gingen gemeinsam manche Strecke des Weges nach der aktiven Karriere. Zunächst verschlug es Axel, der in seiner Freizeit immer noch Musik macht, zurück zum FKP, wo er bis Dezember 2002 als Trainer und Manager fungierte. Dann ging's in die große Fußballwelt. Zusammen mit Briegel betreute er vier Jahre lang die albanische Nationalelf vom, beide heuerten danach noch einmal kurz im Bahrain an, warfen nach zwei Monaten aber das Handtuch. Axel gefiel es nicht so recht im Scheichtum, weit weg von der Heimat. Seitdem ist er wieder zuhause in der Pfalz, wohnt in Otterbach, trainiert dort die D-Jugend, in der seine zwei Jungs kicken, und leitet eine Fußballschule für junge Talente.

Sein letztes (Pflicht-)Tor für den FCK schoss er bereits 1997, am letzten Spieltag beim Rekordspiel gegen den SV Meppen. Es war das letztlich siegbringende 7:3, das Spiel endete 7:6.

Eine nette Anekdote gab es an meinem Geburtstag im Oktober 1998: Roos wurde gegen Wolfsburg ausgewechselt und die Westkurve pfiff dafür Startrainer „König“ Otto Rehhagel gnadenlos aus. In völliger Verkennung der Lage forderte Rehhagel anschließend: „Die Zuschauer müssen sich bei Axel Roos entschuldigen.“ Das es Pfiffe gegen ihn selbst waren und für Axel konnte und durfte gar nicht sein! Eingewechselt wurde damals übrigens ein junges Nachwuchstalent namens Michael Ballack.

Als Axel am 30. September 2000 gegen Energie Cottbus sein letztes Spiel machte, wurde er erst drei Minuten vor Abpfiff für Miroslav Klose eingewechselt. Das Spiel endete 1:1, es war auch der Abschied von Meistertrainer Rehhagel, der natürlich alles überstrahlte. Roos' letzter Auftritt, leise und unauffällig, so wie er es haben wollte, fragt man ihn, den Piano-Spieler aus Leidenschaft. Dabei war er oft laut. Auch neben dem Platz, manchen zu laut.

Seine Kritik am Rasen verhallte 1995/96 ungehört, der FCK stieg ab. Axel hatte recht gehabt. Seine Dispute mit Torwartlegende Gerry Ehrmann (Bilanz: eine zerrissene Kette und eine blutende Oberlippe) sind ebenso ein Teil der FCK-Historie, wie seine Unstimmigkeiten mit Vereinsboss Atze Friedrich. Und dabei ist eines klar: Wer sich zweimal mit Gerry angelegt hat, muss was drauf haben! Am Ende gingen sie mit ihm um, wie mit einem Fußabtreter, so wie es in Atzes „Cafe Größenwahn“ mit Kritikern üblich war. Während Spieler, die nichts für den FCK erreicht haben oder ihn nach der Karriere gar schlecht machten, Abschiedsspiele bekamen, wurde Axel stillos am Rande eines Ligaspiels verabschiedet.

Der FCK würde sich keine Zacken aus der Krone brechen, wenn er einen Schritt auf seinen statistisch erfolgreichsten Spieler der Bundesligageschichte zugeht. Einen so großen Anspruch hat der „Piano-Mann“ sicher gar nicht, aber ein wenig Rehabilitation würde nicht schaden.

Axel Roos hat sich die Trikots seiner Gegenspieler alle aufgehoben, zuhause in Otterbach. Viele davon hatten einen Starschnitt im „Kicker“, es liest sich wie ein „Who is Who“: Körbel, Dietz, Woodcock, Kaltz, Klinsmann, Völler, Möller, Hässler, Littbarski, Allofs, Rummenigge, Allgöwer, Scholl, Matthäus, Elber, Barbarez, Polster, Balakov...man könnte ewig weiter machen. Über zwei Dekaden hatten sie teuflischen Respekt vor ihm. In meinen persönlichen 30 Fan-Jahren hat es sich jedenfalls nur ein Spieler verdient, dass ich mir ein Trikot mit seinem Namen beflocken ließ, wohl erst nach der Karriere, nach dem letzten Kick, weil, für mich, wie für ihn, eben niemals der Einzelne im Fokus stehen darf, sondern immer der FCK! Und weil er ein „Westkurve-Krischer“ ist, der sagt, was er fühlt. Er hat sich diese Ehre verdient.

Autor: Rossobianco

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