Interview zur bundesweiten Fandemo am 9. Oktober

„Fans machen großen Teil der Faszination Fußball aus“

„Fans machen großen Teil der Faszination Fußball aus“


An jedem Spieltag werden in den deutschen Fankurven Spruchbänder gezeigt, die Kritik an den Auswüchsen des modernen Fußballs üben - seien es Anstoßzeiten, Stadionverbote oder Sicherheitswahn. Um gemeinsam für den Erhalt der Fankultur zu demonstrieren, tun sich die Anhänger nun bundesweit zusammen und werden am 9. Oktober 2010 gemeinsam auf die Straße gehen. „Der Betze brennt“ sprach mit Dirk (Generation Luzifer) und Tim (Frenetic Youth) von „Pro Fans Kaiserslautern“ über den aktuellen Stand der Planungen für die große Fandemo in Berlin.

Der Betze brennt: Am 9. Oktober 2010 werden tausende Fußballanhänger ihre Stimmen für mehr Rechte erheben. Warum findet erstmals seit fünf Jahren wieder eine bundesweite Fandemo statt?

Dirk: Vor allem seit Bekanntgabe, dass Deutschland Ausrichter der WM 2006 wird, hat sich die Situation für die aktiven Fußballfans in Deutschland immer weiter verschlechtert. Die Einschränkungen, denen wir uns - oftmals unbegründet - gegenüber sehen, nehmen immer mehr zu und erschweren einen sorgenfreien Stadionbesuch. Diese Situation betrifft alle Fußballfans in Deutschland gleichermaßen und da sich die Spirale immer weiter dreht, ist es Zeit, ein Zeichen zu setzen: Für unsere Rechte als Fans und für den Erhalt der Fankultur! Oftmals werden wir von den Verantwortlichen, wenn überhaupt, nur als notwendiges Übel registriert. Hier gilt es anzusetzen - denn wir Fans machen immer noch einen wichtigen Teil der Faszination dieses Sports aus!

Der Betze brennt: Wer organisiert die Demonstration und wer unterstützt sie?

Tim: Die Demo wird von den drei großen Fanverbänden „Unsere Kurve“, „Pro Fans“ und „Bündnis aktiver Fußballfans“ organisiert. Bundesweit haben sich bereits Fanclubs von über 40 Vereinen als Unterstützer registriert - jeder interessierte Fanclub kann sich dem übrigens unter www.erhalt-der-fankultur.de anschließen. In Kaiserslautern planen Vertreter von verschiedenen Fanclubs alles nötige, von Flyern über einen Aktionstag bis hin zur gemeinsamen Reise nach Berlin.

Der Betze brennt: Seit der WM 2006, die seinerzeit viele Beobachter als Hauptgrund der Beschneidung von Fanrechten sahen, haben die Proteste nochmals stark zugenommen. Aktuell gibt es beispielsweise Aktionen wie „Kein Kick vor Zwei“, „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ oder „Kein Zwanni für nen Steher“. Hat sich denn wirklich so wenig verbessert? Oder hat sich die Gesamtlage möglicherweise sogar verschlimmert?

Tim: Ich denke, dass die Lage für die Fußballfans in den vergangenen Jahren zumindest nicht besser geworden ist. Einige Probleme wurden zwar gelöst, dafür kamen andere neu hinzu. Außerdem scheinen viele Fans erkannt zu haben, dass es sich lohnt, gegen Ungerechtigkeiten die Stimme zu erheben. Genau die genannten Proteste, die ja überwiegend lokal organisiert wurden, sind jetzt auch der Ausgangspunkt für die Demonstration in Berlin. Wir möchten alle Kräfte, die in den einzelnen Fanszenen wirklich gute Initiativen auf die Beine stellen, bündeln und gemeinsam Verbesserungen für Fußballfans in ganz Deutschland erkämpfen.

Dirk: Da stimme ich Tim zu. Die Probleme, denen wir uns gegenüber sehen, werden immer vielfältiger und sind von Liga zu Liga unterschiedlich. Während beispielsweise die Fans in der 2. Bundesliga vornehmlich für fangerechte Anstoßzeiten plädieren, geht es weiter unten schon um die Existenz ganzer Vereine. Hier ist die Regionalligareform das vorrangige Thema, für das sich auch die Fans einsetzen. In der ersten Liga hingegen sorgt zurzeit das Thema Eintrittspreise für Diskussionsstoff. Manche Probleme sind auch ligaunabhängig, etwa das leidige Thema Stadionverbote. Dies alles zeigt die ganze Komplexität, die der Fan-Alltag inzwischen erreicht hat!

Der Betze brennt: Vor drei Jahren wurde auf dem bundesweiten Fan-Kongress in Leipzig mit großen Erwartungen die Arbeitsgemeinschaft „Fandialog“ eingeführt, in der Fans und Funktionäre auf Augenhöhe an Verbesserungen arbeiten wollten. Was ist daraus geworden?

Tim: Für uns war das Angebot zur AG Fandialog mit der Hoffnung verbunden, mit den Verantwortlichen von DFB und DFL auf Augenhöhe über die Probleme von Fußballfans zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Mittlerweile ist leider klar geworden, dass die AG Fandialog den Funktionären eher dazu dient, ihr Image als fanfreundlich und kompromissbereit aufrecht zu erhalten. Es war zum Beispiel vereinbart, dass zwei Fanvertreter bei der Spieltagsterminierung dabei sein dürfen, damit auch den Fans klar wird, welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Diese Zusage wurde dann einfach zurückgezogen. Auch sonst wurde zwar viel geredet, aber im Endeffekt ist nichts passiert. Die Fanverbände haben daraufhin öffentlich ihren Ausstieg angedroht und nun liegt es an den Verbänden, andere Bedingungen zu schaffen. Wir Fanvertreter sind weiterhin am Austausch in der AG Fandialog interessiert, jedoch nur, wenn auch endlich konkrete Ergebnisse erzielt werden.

Der Betze brennt: Mal direkt gefragt: Welche Missstände belasten Euch als Fans im Jahr 2010?

Dirk: Unterschiedlichste Maßnahmen erschweren den Fans heutzutage das Ausleben einer freien Fankultur. Ein sehr gutes Beispiel, dass viele Anhänger betrifft, ist die Mitnahme von Fanutensilien - gerade bei Auswärtsspielen. Jeder gastgebende Verein hat andere Regeln, vom strikten Verbot großer Schwenkfahnen oder von Doppelhaltern über Ausnahmeregelungen wie Fahnenpässe bis hin zur Erlaubnis sämtlichen Materials ist alles dabei. Die Mitnahme von Fanartikeln sollte aber eigentlich selbstverständlich sein, um unsere Kultur auszuleben, und nicht näher reglementiert werden. Daher ist das bei manchen Vereinen praktizierte „St. Pauli Modell“ zwar einer Fortschritt, der in den letzten Jahren erreicht wurde, grundsätzlich sollte es den Fans aber gestattet sein, ihre Fanutensilien mit ins Stadion zu nehmen, ohne daran gekoppelt etwaige Strafen befürchten zu müssen. Auswärtsfahrer wissen ebenso um die Problematik der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. Gerade bei Reisen mit dem Zug wird den Fans an den Bahnhöfen oftmals der Gang zur Toilette oder zum nächstmöglichen Kiosk verwehrt, von einem kurzen Kneipenbesuch zur gemeinsamen Einstimmung ganz zu schweigen. Stattdessen steht man direkt nach dem Aussteigen aus dem Zug einem gepanzerten Polizeikessel gegenüber und wird in Richtung Stadion getrieben. Das Wort getrieben ist hierbei bewusst gewählt, da manche Reise tatsächlich eher einem Viehtransport gleicht.

Tim: Eine Entwicklung, die in den letzten Monaten vermehrt aufkam und mir wirklich Sorge bereitet, sind außerdem die kollektiven Auswärtsreiseverbote für Fans. In der letzten Saison durften ja zum Beispiel die Fans des 1. FC Köln nicht mit nach Hoffenheim fahren. Es kann und darf nicht sein, dass eine große Masse an friedlichen Fans ausgesperrt wird, nur weil sich einige wenige nicht richtig verhalten haben. Wie Dirk schon sagte, die Probleme sind komplex, dafür braucht es dann auch differenzierte Lösungen. Einfach das Kartenkontingent für Gästefans streichen ist sicher keine!

Dirk: Ein weiteres, gerade aktuelles Beispiel ist die Problematik der Kartenpreise, welche seit Jahren peu à peu ansteigen. Vielen Fans sind die 17,- Euro für einen Stehplatz bei unserem Gastspiel in Köln bereits bitter aufgestoßen. Medial sorgte nun vor allem der Protest der Dortmunder Fanszene für viel Aufsehen, da sich über 1.500 BVB'ler die 22,- Euro für einen Stehplatz im Derby gegen Schalke 04 nicht bieten lassen wollten und unter dem Motto „Kein Zwanni für nen Steher“ auf die Problematik aufmerksam machten. Fußball muss bezahlbar bleiben, sonst werden gerade die sozial Schwächeren vom sogenannten Volkssport Fußball ausgeschlossen. Dies gilt es zu verhindern!

Der Betze brennt: Aber auch die Fans müssen sich an die eigene Nase fassen, wenn wir beispielsweise an gewaltsamen Fahnenklau oder gefährliche Böllerwürfe denken.

Dirk: Das ist definitiv richtig! Einige Vorfälle am Rande von Fußballspielen, beispielsweise die angesprochenen Böllerwürfe, sind kaum vermittelbar und haben auch nichts mit Fußball oder Stimmung zu tun. Selbstreflexion oder Selbstregulierung innerhalb der Fanszene sind Begriffe, die immer öfter zu hören sind. Diese gilt es mit Inhalt zu füllen und nicht nur als Lippenbekenntnisse verkommen zu lassen, um die Angriffsfläche, die eine organisierte Fanszene nun mal bietet, zu minimieren. Nicht unerwähnt lassen sollte man aber, dass dieser Prozess vielerorts bereits eingesetzt hat. Seit Jahren schon zünden fast alle Kurven bei Heimspielen kein Pyro mehr, viele Ultragruppen haben karitative Aktionen gestartet, intern wird immer und immer wieder am eigenen Auftreten gearbeitet - es gibt also schon eine gewisse Selbstregulierung, hinter den Kulissen noch viel mehr als im öffentlich sichtbaren Bereich. Größere Veränderungen in einer komplexen, vielschichtigen Fanszene sind aber nicht in wenigen Wochen zu erreichen, auch wenn sich das Polizei und Verbände vielleicht wünschen mögen.

Der Betze brennt: Ihr fordert in Eurem Aufruf zur Fandemo „wirkliche Verbesserungen“. Wie könnten diese aussehen?

Dirk: Wichtig wären zunächst einmal Gespräche auf Augenhöhe mit den Verbänden und der Polizei, wo diese sich auch Fehler eingestehen, anstatt mit dem Finger nur auf die Fans zu zeigen. So entsteht keine vertrauensvolle Basis für eine zukünftige Zusammenarbeit. Wichtig wäre es hier, endlich mal die von den Verbänden und Vereinen uns Fans gerne beigemessene Bedeutung, als Teil des Spiels und nicht nur als zahlender Konsument, tatsächlich zu erfahren. Tim hat das ja bereits im Hinblick auf die AG Fandialog angesprochen.

Tim: Es gibt einige Forderungen, die relativ zügig umgesetzt werden könnten. Ein deutschlandweit gültiger Katalog von erlaubten Fanutensilien wäre ein Schritt in die richtige Richtung, der viele Diskussionen am Spieltag selbst ersparen würde. Stadionverbote sollten erst dann vergeben werden, wenn ein Ermittlungsverfahren zu dem Abschluss gekommen ist, dass der Angeklagte schuldig ist - alles andere ist schlicht ungerecht. Viele Streitfragen könnten in einem konstruktiven Dialog gelöst werden, die Fans sind dazu bereit. Wir fordern die Verantworlichen auf, uns als Gesprächspartner ernst zu nehmen, denn wie Dirk es vorhin so schön gesagt hat: Die Fans machen die Faszination Fußball aus.

Der Betze brennt: Zurück zur Demo in Berlin: Was planen die FCK-Fans genau?

Tim: Nachdem beim Heimspiel gegen Hoffenheim schon mit Flyern und Spruchbändern auf die Demo aufmerksam gemacht wurde, wollen wir am Sonntag gegen Hannover noch einmal verstärkt Werbung machen. Es wird Informationsstände geben, mit denen wir möglichst viele Besucher für die angesprochenen Themen sensibilisieren möchten. Darüber hinaus laden wir alle FCK-Fans ein, mit nach Berlin zu fahren und für den Erhalt der Fankultur zu demonstrieren. Hierfür organisieren wir Busse, für die man sich ab Sonntag verbindlich anmelden kann. Wir hoffen, dass sich viele Lautrer auf den Weg nach Berlin machen, um dort mit anderen Fußballanhängern aus ganz Deutschland zu zeigen, wie vielfältig und kreativ unsere Fankultur ist.

Dirk: Verbindliche Anmeldungen für die Busse werden beim Heimspiel gegen Hannover an den Infoständen des „Pfalz Inferno“ und der „Generation Luzifer“ (am Eingang zur Westkurve; Anm. d. Red.) sowie per E-Mail unter delling@gl98.de entgegen genommen. Der Fahrpreis hängt von der Teilnehmerzahl ab, wird aber auf jeden Fall unter 40,- Euro pro Person liegen. Um den Preis auch für jüngere Fans im Rahmen zu halten, besteht an den Infoständen außerdem die Möglichkeit zur Spende - wenn jemand beispielsweise nicht mit nach Berlin fahren kann, die Sache aber grundsätzlich unterstützt. Es wäre schön, wenn viele FCK-Fans ihren kleinen Teil dazu beitragen und diejenigen unterstützen, die den Weg nach Berlin auf sich nehmen.

Der Betze brennt: Was ist über die Fandemo hinaus noch geplant?

Dirk: Ideen gibt es bereits, konkret geplant ist derzeit aber noch nichts, da die Organisation der Demo unsere volle Tatkraft beansprucht. Wichtig wird sein, da sind sich alle einig, dass die Demo nicht das Ende der Kampagne „Zum Erhalt der Fankultur“ darstellt, sondern durch vielfältige regionale Aktionen immer weiter getragen wird. Hier liegt es an allen Fanszenen, weiter konstruktiv zusammen zu arbeiten. Nur eine Demo alleine wird nichts verändern, aber eine gute Basis schaffen, auf der stetig aufgebaut werden kann und muss. Nur so werden wir unsere hochgesteckten Ziele erreichen können.Gehen wir es an!

Tim: Genau, die Fandemo ist viel mehr erst der Anfang der Kampagne. Nach der letzten Demo vor fünf Jahren haben wir es leider verpasst, das große Potenzial der Fans zu nutzen. Das möchten wir dieses Mal besser machen und dafür brauchen wir die Unterstützung jedes einzelnen Fans!

Der Betze brennt: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Euren weiteren Aktionen!

Weitere Informationen zur Fandemo sind im Internet unter www.erhalt-der-fankultur.de zu finden. Konkrete Fragen können außerdem per E-Mail unter kaiserslautern@profans.de gestellt werden.

Flyer: Fandemo in Berlin

Autor: Thomas

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