Fragen, Antworten und Anekdoten zur Geschichte des FCK.

Beitragvon Thomas » 29.09.2021, 08:42


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Bundesliga auf dem Betze: Bongartz gegen die Gladbacher Vogts (l.) und Schäfer (r.); Foto: Imago Images

Interview des Monats: Ex-FCK-Spieler und -Trainer Hannes Bongartz, Teil 1/2
"Das 5:0 gegen Real bleibt im Kopf wie eingenagelt"

Er war Spielmacher und Cheftrainer des 1. FC Kaiserslautern: Anlässlich seines bevorstehenden 70. Geburtstags sprechen wir mit Hannes Bongartz über seine Karriere, glorreiche FCK-Spiele und wie er einst für eine kleine Revolution sorgte.

Der Betze brennt: Hannes Bongartz, am Sonntag werden Sie 70 Jahre alt. Wie werden Sie feiern?

Hannes Bongartz (69): Ach, ich bin keiner, der große Feiern veranstaltet. Seit ich Familie habe, sind Geburtstage für mich eine Familienangelegenheit. Das bedeutet, ich werde mit meiner Frau und meinen Töchtern feiern, natürlich bei einem leckeren Häppchen.

Der Betze brennt: Und mit welchen Anrufen alter Weggefährten aus Kaiserslautern rechnen Sie?

Bongartz: Peter Briegel wird sicher anrufen, auch Andreas Brehme hat immer Kontakt gehalten. Solange er lebte, war auch Hans-Günter Neues immer dabei, er war ja auch einer aus dem Westen wie ich. Ansonsten bin ich keinem böse, wenn er an meinem Geburtstag mal nicht anruft. Wenn er es einfach tut, sobald es ihm in den Sinn kommt, ist das auch in Ordnung. So soll das doch sein unter Fußballern.

Der Betze brennt: Sie spielten lange Jahre selbst auf Top-Niveau, waren Trainer mehrerer Klubs in der Bundesliga und sind nun schon seit einiger Zeit als Berater junger Spieler tätig. Werden sie auch mit 70 weiterhin im Fußball-Geschäft aktiv bleiben - oder langsam kürzertreten?

Bongartz: Nein, warum sollte ich? Ich bin für keine große Agentur unterwegs, sondern will lediglich meine Erfahrung an junge Spieler weitergeben. Die Jungs, die aus so einer U19 rauskommen, wollen doch alle den nächsten Schritt nach vorne machen und brauchen einen ersten Tipp oder einfach mal ein gutes Gespräch. Da werden doch oft schon die falschen Entscheidungen getroffen.

"Lautern und Schalke haben die Wucht, um wieder hochzukommen"

Der Betze brennt: Wie viele Klienten betreuen Sie denn?

Bongartz: Ich hab immer so um die sieben Jungs, das ist auch genug, wenn man sich deren Spiele regelmäßig anschauen will. Talente, die Rat suchen, gibt es genug. Allein in der Umgebung meines Wohnortes Bottrop gibt es mindestens zehn Nachwuchsleistungszentren. Da kommen jedes Jahr acht bis zehn junge Spieler raus. Nicht bei allen reicht es für den Profifußball, aber alle wollen irgendwie weiterkommen. Auch der FCK hat auf dem Fröhnerhof im Grunde eine Traumanlage zur Verfügung. Früher gab es für Jungs aus der Region auch nichts Größeres, als dort die Chance zu suchen, um eines Tages auf dem Betzenberg spielen zu können. Mittlerweile laufen viele leider lieber woanders hin. Um das zu ändern, müsste investiert werden. Aber das ist schwierig geworden.

Der Betze brennt: Wie sind Sie denn überhaupt Spielerberater geworden?

Bongartz: Das hat sich mehr zufällig ergeben. Als ich 2008 aus Griechenland zurückgekehrt bin (als Sportdirektor von Skoda Xanthi; Anm. d. Red.), habe ich mich gefragt: Was hat dir in dem Geschäft eigentlich immer am meisten Freude bereitet? Die Antwort darauf war: Junge Spieler voranbringen. Das beste Beispiel sind die Brüder Altintop. Halil habe ich von Wattenscheid zum FCK vermittelt, wo er zum gefürchteten Bundesliga-Torjäger aufstieg. Hamit landete sogar beim FC Bayern und später für kurze Zeit bei Real Madrid. Das ist natürlich schwer zu toppen.

Der Betze brennt: Ihre Spieler- und Trainerkarriere kreist im Wesentlichen um drei Vereine: Schalke 04, 1. FC Kaiserslautern und Wattenscheid 09. Keiner von denen gab in den vergangenen Jahren Anlass zur Freude. Mit wem haben Sie denn am meisten gelitten?

Bongartz: Gelitten habe ich mit allen, aber Wattenscheid ist schon ein besonderer Fall. Das ist im Grunde ja nur ein Stadtteil von Bochum, da ist so viel große Konkurrenz drumherum. Als das Unternehmen von Mäzen Klaus Steilmann in Schwierigkeiten geriet, war eigentlich schnell klar, dass der Verein sich ohne ihn nicht mehr lange wird halten können. 2019 wurde der Spielbetrieb dann ja auch eingestellt. Die Fälle von Kaiserslautern und Schalke sind anders gelagert, und da lassen sich durchaus Vergleiche ziehen. Um solche Vereine auf Kurs zu halten, brauchst du nicht nur die Mittel, sondern Leute mit Qualität, die zusammenhalten und sagen: So wird’s gemacht. Da ist bei beiden Klubs im Management nicht alles optimal gelaufen, sowohl im sportlichen als auch im wirtschaftlichen Bereich. Aber sowohl beim FCK als auch bei Schalke schlummert immer noch diese Wucht, um es auch wieder nach oben schaffen zu können.

"Traditionsvereine dürfen den Abstieg nicht als generellen Trend akzeptieren"

Der Betze brennt: Da lassen sich ja nicht nur Kaiserslautern und Schalke nennen. Von den großen Traditionsvereinen, die zu Ihrer Zeit das Bild der Bundesliga bestimmten, finden sich immer mehr nur noch in der zweiten oder dritten Liga wieder. Ist deren Zeit womöglich generell vorbei?

Bongartz: Auf keinen Fall. Ein Verein muss geführt werden, muss auf allen Ebenen florieren, von oben nach unten. Und je größer ein Verein ist, desto schwieriger ist er zu führen, das ist richtig. Aber mit gutem Management ist es zu schaffen. Wenn nun Vereine wie Hamburg, Bremen und Schalke in der 2. Bundesliga spielen, und sich wesentlich kleinere Vereine in der Bundesliga tummeln, sollte man das nicht als generellen Trend akzeptieren. Stattdessen sollten sich die Vereinsmanager Gedanken machen: Wie konnte es so weit kommen? Was können und was müssen wir ändern?

Der Betze brennt: In Ihrer aktiven Zeit waren Sie Kalli Feldkamps Spielmacher in seiner ersten Amtszeit am Betze. In diesen vier Jahren waren sie an drei Titeln ganz nah dran, haben aber alle knapp verfehlt: In der Saison 1978/79 war der FCK lange Tabellenführer, im DFB-Pokal 1981 scheiterte er im Finale an Eintracht Frankfurt, im Uefa-Cup 1982 im Halbfinale am IFK Göteborg. Welcher verpasste Titel ärgert Sie bis heute am meisten?

Bongartz: Der schönste Titel wäre natürlich die Deutsche Meisterschaft gewesen. Entscheidend war damals das Spiel am 25. Spieltag bei unserem schärfsten Verfolger, dem Hamburger SV. Da flog Günter Neues nach 19 Minuten vom Platz, weil er zu Schiedsrichter Walter Eschweiler ein Wort sagte, das man nicht sagen darf. Wenn wir da was geholt hätten, hätten wir es geschafft, da bin ich sicher. So aber verloren wir 0:3. Im DFB-Pokal-Finale 1981 hatten wir einfach einen schlechten Tag, waren viel zu verklemmt. Und wenn ich an die Uefa-Cup-Spiele dieser Zeit denke, die bleiben mir auch ohne Titel unvergessen. Allein unser 5:0-Sieg gegen Real Madrid steckt bei mir im Kopf wie eingenagelt. Überhaupt waren wir damals ein Team wie Pech und Schwefel, haben in diesen Jahren in Kaiserslautern viel bewegt. Von 1978 an haben wir jedes Jahr international gespielt.

Von Übersteigern und Schlenzern gegen die Königlichen: "Diese Mannschaft war zu allem fähig"

Der Betze brennt: Damit haben Sie auch schon die Frage beantwortet, die wir als nächste auf dem Zettel haben: Welche Spiele im FCK-Trikot sind Ihnen am unvergesslichsten geblieben?

Bongartz: Natürlich das Spiel gegen Real Madrid. Diese Mannschaft 5:0 zu schlagen, das war eine absolute Sensation. Das Fundament war schon zwei Wochen zuvor im Bernabeu-Stadion gelegt worden. Einmal durch den Elfmeter-Treffer zum 1:3, den Norbert Eilenfeldt kurz vor Schluss erzielte, der hatte uns rechnerisch wieder näher herangebracht. Tiefer saß jedoch, was die Spanier sich in diesem Spiel uns gegenüber geleistet hatten. Die hatten getreten, gespuckt, gebissen, alles und noch mehr, was damals unter internationaler Härte verbucht wurde. Nach der Partie saßen wir dann in der Kabine und dachten: Wartet, in zwei Wochen sehen wir uns wieder. Von da an hat man in jedem Training gemerkt, dass wir nur noch an dieses Spiel dachten. Dass es dann auch noch so lief - Wahnsinn! Wir hatten aber auch die richtigen Typen für so einen Auftritt. Peter Briegel, Reiner Geye, Friedhelm Funkel, das alte Schlitzohr, und wie sie alle hießen. Diese Mannschaft war zu allem fähig.

Der Betze brennt: Das 3:0, mit dem der FCK das Gesamtergebnis endgültig zu seinen Gunsten gestaltete, erzielten Sie - ein Schlenzer ins lange Eck, zuvor waren sie mit Ihrem berühmten Übersteiger in den Strafraum der Madrilenen eingedrungen. Wo hatten Sie den eigentlich her?

Bongartz: Den hatte ich mir schon in meinem Jugendjahren beim Bonner SC irgendwo abgeschaut, ich glaube, bei einem Spieler von Alemannia Aachen. Dann habe ich den Übersteiger so lange für mich selber ausprobiert, bis er immer besser klappte und immer mehr Gegner drauf reinfielen. Schließlich wurde er mein Markenzeichen.

Der Betze brennt: 1991 waren Sie zwar schon Trainer in Wattenscheid, haben aber einen nicht unbeträchtlichen Teil zur Deutschen Meisterschaft des FCK beigetragen: Als am 32. Spieltag der FCK in Bremen 2:1 siegte, schlugen Sie mit Wattenscheid zeitgleich den FC Bayern mit 3:2. Damit hatte der FCK vier Punkte Vorsprung in der Tabelle, die Meisterschaft war so gut wie entschieden. Hatten Sie vor oder nach diesem Spieltag Kontakt mit Ihrem ehemaligen Chef Kalli Feldkamp? Gab's Glückwünsche oder Sektpräsente?

Bongartz: In der Tat traf in den Tagen danach eine Fuhre aus Schloss Wachenheim bei uns in Wattenscheid ein, ohne dass wir da vorher etwas vereinbart oder überhaupt einmal darüber gesprochen hatten. Wir haben den Lautrern diese Freude damals natürlich gerne gemacht, ich muss aber klar sagen: Wir hatten die Punkte gegen die Bayern damals auch für uns selbst gebraucht, denn wir steckten noch mitten im Abstiegskampf. Mit Kalli Feldkamp hatte ich davor und danach sowieso immer wieder zu tun, gerade auch in Wattenscheid, gemeinsam mit Klaus Steilmann.

"Den FCK mit Viererkette spielen zu lassen, war damals schon gewagt"

Der Betze brennt: 1985 wurden Sie selbst Cheftrainer des FCK. Sie kamen unter kuriosen Vorzeichen. Präsident Udo Sopp hatte eigentlich schon den erfahrenen Aleksandar Ristic als Trainer verpflichtet, dann gab er sein Amt an Atze Friedrich ab, der löste den Vertrag mit dem aus seiner Sicht zu teuren Ristic auf und holte Sie quasi direkt vom DFB-Lehrgang. Hat es Sie nicht belastet, unter diesen Umständen Ihr erstes Engagement antreten zu müssen?

Bongartz: Überhaupt nicht. Das war doch für mich eine riesige Ehre, direkt beim FCK anfangen zu können. Ich steckte noch mitten im Lehrgang und musste mir die Freistellung erst genehmigen lassen. Den Atze kannte ich noch von früher, der wusste, wie ich ticke, drum ging ich mit meiner typisch rheinländischen Mentalität ans Werk: Keine Angst, das wird schon. Es lief dann ja auch lange Zeit sehr gut. Im zweiten Jahr wurden wir Siebter und hätten uns beinahe für den Uefa-Cup qualifiziert, hätten wir nicht unser letztes Saisonspiel gegen den Hamburger SV vergeigt.

Der Betze brennt: Sie zählten damals beim FCK zu den ersten Trainern in Deutschland, die mit Viererkette spielen ließen.

Bongartz: Die Begeisterung dafür rührte noch von meiner aktiven Spielzeit beim FCK her. Im Uefa-Cup-Halbfinale waren wir ja am IFK Göteborg gescheitert, der damals von Sven-Göran Eriksson trainiert wurde. Der hatte mit Viererkette spielen lassen, und das hat mir so imponiert, dass ich mir spontan dachte: Das ist der Fußball der Zukunft. Ich hatte mich damit auch schon intensiv befasst, bevor ich als Trainer beim FCK anfing. Auch auf den DFB-Lehrgängen wurde oft über die Viererkette diskutiert, nur spielen ließ sie in Deutschland noch keiner. Als Trainer von Lautern habe ich mir dann gesagt: So, jetzt probieren wir das mal. Und es hat ja dann auch gut geklappt. Das war vielleicht nicht unbedingt revolutionär, zur damaligen Zeit aber schon gewagt.

Der Betze brennt: Sie haben aber nicht immer mit Viererkette spielen lassen.

Bongartz: Natürlich nicht, ich musste ja mit dem Personal klarkommen, das ich zur Verfügung hatte. Am besten funktioniert hat die Viererkette mit Stefan Majewski und Michael Dusek in der Innenverteidigung. Wenn ich die nicht zur Verfügung hatte, musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Der eine war der robuste Typ, der abräumte, der andere der Kopf, der das Spiel lesen konnte. Die waren wie Schwarzenbeck und Beckenbauer, nur auf Pfälzer Art. Und mit dem Unterschied, dass sie auf einer Linie spielten. Das hat unheimlich Spaß gemacht, auch den Spielern.

"Von Wuttke wusste ich ja, was für ein Typ er war"

Der Betze brennt: Sie holten auch Wolfram Wuttke zum FCK, der als Spielmacher überragende Spiele unter Ihnen machte, aber auch immer wieder durch immense Leistungsschwankungen auffiel. Als sie ihn nach einer 2:3-Niederlage gegen den FC Homburg im November 1987 aus dem Kader verbannen wollten, wurden sie von ihrem Traineramt freigestellt. Sahen Sie sich da als Wuttke-Opfer?

Bongartz: Nein. Ich denke, nach zweieinhalb Jahren in Lautern war ich auch verschlissen, gerade ein Typ wie ich, der immer mit vollem Elan bei der Sache war. Von Wuttke wusste ich ja, was für ein Typ er war, und dass er schwer zu führen ist. Als ich weg war, ist es mit ihm ja auch nicht besser geworden.

Der Betze brennt: 2015 ist Wolfram Wuttke ja leider verstorben. Hatten Sie ihn zwischenzeitlich nochmal wieder getroffen und über die Vorfälle von damals geredet?

Bongartz: Nein, gar nicht. Aber ich wäre auch nicht nachtragend gewesen, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte. Das sind die Dinge, die passieren im Fußball-Ggeschäft nun einmal.

Der Betze brennt: Dennoch ist es schade, dass so ein Genie nie richtig konstant auf Kurs gekommen ist. Sie waren als Trainer damals ja noch recht jung. Wenn Sie einen Wuttke später als gereifte Persönlichkeit unter Ihrer Fittiche bekommen hätten, hätten Sie ihn dann vielleicht hinbiegen können?

Bongartz: Das könnte sein. Mit zehn, fünfzehn Jahren mehr an Trainer-Erfahrung auf dem Buckel reagiert man hier und da auch mal anders. Aber dann brauchst du auch einen entsprechend breiten Kader, um besser damit umgehen zu können. Wenn du nur einen kleinen Kader zur Verfügung hast und einer permanent quer im Stall steht, geht das nicht. Das ist auch nicht fair den anderen gegenüber.

Morgen im zweiten Teil unseres Interview des Monats: Hannes Bongartz über das heutige Trainergeschäft, Telefonate mit FCK-Coach Antwerpen und seine Sicht auf die aktuelle Situation der Roten Teufel.

Quelle: Der Betze brennt / Autor: Thomas Hilmes, Eric Scherer
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon Markus67 » 29.09.2021, 10:22


Alles gute zum 70 Geburtstag.

Immer alles gegeben für den FCK, dafür steht der Name Bongartz.

Der Name steht auch für die Helden meiner Jugend. Ich kann heute noch die Aufstellung meines ersten Live Spiel aufzählen.

Hellström, Wolf, Neues, Melzer, Bongartz, Briegel, Funkel, Riedl, Geye, Hofeditz, Wendt und Kalli lass die Teufel raus.

Hannes, danke für jeden Einsatz beim FCK, untrennbar mit dem FCK verbunden.



Beitragvon Thomas » 30.09.2021, 08:17


Hier kommt Teil 2 unseres Interviews des Monats. Viel Spaß beim Lesen:

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Foto: Imago Images

Interview des Monats: Ex-FCK-Spieler und -Trainer Hannes Bongartz, Teil 2/2
"Ein FCK-Aufstieg würde mich wahnsinnig freuen"

Teil 2 unseres Interviews des Monats: Hannes Bongartz erzählt, was er vom heutigen Fußball-Geschäft hält, was er in der Lautrer Altstadt schon alles erlebt hat und was er dem 1. FC Kaiserslautern für die Zukunft wünscht.

Der Betze brennt: Hannes Bongartz, etliche Spieler, die Sie trainiert haben, konnten sich unter Ihrer Führung besser entwickeln. Markus Schupp etwa, einer, der am Betzenberg groß geworden war. 1991 haben Sie ihn als damals 25-Jährigen vom FCK nach Wattenscheid geholt, nachdem es in Lautern für ihn nicht mehr weiterging. In seiner ersten Saison unter Ihnen spielte er so stark auf, dass ihn anschließend die Bayern verpflichteten. Wie konnte er bei Ihnen so explodieren?

Hannes Bongartz (69): Das konnte ich nur mit jemandem wie unserem Mäzen Klaus Steilmann hinbekommen. Markus war ja gerade Deutscher Meister geworden, aber ich hatte mitbekommen, dass er in Kaiserslautern nicht so die Wertschätzung genoss, der typische Lehrling im eigenen Haus halt. Ich brauchte aber genau so einen Spieler. Da habe ich ihm gesagt: Wenn du zu uns kommst, wirst du deinen Weg machen, und wenn dann ein größerer Verein kommt und dich will, werden wir dich nicht aufhalten. So kam es dann auch. Schon nach einem halben Jahr war klar, dass er zu den Bayern wechselt.

Der Betze brennt: Tut es nicht weh, so einen Mann gleich wieder zu verlieren, direkt nachdem man ihm zum Durchbruch verholfen hat?

Bongartz: Das ist natürlich schade, aber wir standen ja bei ihm im Wort, und das mussten wir dann auch halten. Er war ja auch keine 19 mehr, da musste er diese Chance doch nutzen. Uns hat er in diesem Moment sehr geholfen und uns viel Ansehen verschafft. Mir blieb zudem Zeit genug, mich nach Ersatz umzusehen. So war’s für alle Beteiligten eine riesen Geschichte. Auch Leute wie Thorsten Fink und Maurice Banach haben damals den Weg über den Wattenscheid genommen. Banach ist ja später leider tödlich verunglückt, der wäre einer geworden wie Robert Lewandowski. Über Fink hat mir Karl-Heinz Rummenigge später mal erzählt, der sei einer der intelligentesten Spieler gewesen, die der FC Bayern jemals hatte.

Der Betze brennt: Ihr Abwehrchef bei Wattenscheid 09 hieß damals Uwe Neuhaus. Er wurde selbst Trainer, war später bei Union Berlin, Dynamo Dresden und Arminia Bielefeld tätig. Überall ließ er gepflegten, attraktiven Fußball spielen. Denken Sie, dass da auch was von dem drin steckte, was ihm sein alter Trainer mitgegeben hat?

Bongartz: Ja, der Uwe und ich, wir kamen immer super klar. Ich habe ihn damals aus Remscheid geholt, da spielten die in der Oberliga. Neben ihm brachte ich Jörg Bach, der hatte in Wattenscheid noch gar keine Rolle gespielt, als ich kam. Zusammen funktionierten Neuhaus und Bach dann genauso gut wie Majewski und Dusek in Kaiserslautern. Uwe verstand den Fußball vom Kopf her, war mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld. Ich glaube schon, dass er ein bisschen was von mir übernommen hat, als er später selbst Trainer geworden ist. Dass er letztes Jahr mit Bielefeld in die Bundesliga aufgestiegen ist, hat mich unheimlich gefreut.

"Ein Trainer sollte auch mal Nein sagen können"

Der Betze brennt: Im März 2021 wurde er in Bielefeld entlassen. In der gleichen Saison, in der Ihre Ex-Vereine Schalke und Kaiserslautern gleich drei Trainer verschlissen, Schalke dennoch abstieg. Die Hire- und Fire-Mentalität in dem Geschäft hat ein neues Level erreicht. Kann man als Trainer unter diesen Umständen überhaupt noch vernünftig arbeiten, geschweige denn etwas aufbauen?

Bongartz: Tja, das ist schwer geworden. Manche Vereine setzen einen jungen Trainer auf die Bank, gucken ihm ein paar Spiele zu und werfen ihn direkt wieder raus, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, statt sich zu fragen: Was konnten wir dem Trainer eigentlich an sportlichem Wert bieten, um mit ihm zu erfolgreich zu sein? Verständlicherweise will jeder Trainer, der seine Lizenz erworben hat, in dem Job auch arbeiten und denkt daher immer erst einmal positiv, wenn er eine Aufgabe übernimmt. Ich denke aber, ein Trainer sollte auch mal Nein sagen können, wenn er sieht, das, was der Verein sich mit dieser Mannschaft vorstellt, ist doch gar nicht drin. Erst recht, wenn der Präsident dann auch noch mit auf der Bank sitzt und mitreden will. Es mag den ein oder anderen Trainer geben, der kann vielleicht sogar ein bisschen zaubern, aber irgendwann ist es mit so einem Zauber halt auch mal vorbei.

Der Betze brennt: Kennen Sie auch den FCK-Trainer Marco Antwerpen näher, der ja genau wie Sie aus dem Ruhrpott kommt?

Bongartz: Ja, wir hatten ein, zwei Mal länger telefoniert, ehe er in Kaiserslautern anfing, daher weiß ich, wie sehr er sich auf diese Aufgabe gefreut hat. Wir hatten auch schon während seiner Zeit in Braunschweig über den ein oder anderen Spieler gesprochen. Ich weiß, wie Marco arbeitet und wie impulsiv er ist. Und ich hatte gleich das Gefühl, dass es mit ihm und dem FCK passen würde.

Der Betze brennt: Telefonieren Sie zurzeit auch öfter?

Bongartz: Im Moment nicht. Marco hat ja genug um die Ohren. Aber wenn ich mal wieder in der Nähe bin, versuche ich, bei ihm vorbeizuschauen. Einer meiner Spieler steht jetzt in Saarbrücken unter Vertrag, da ergibt sich bestimmt mal eine Gelegenheit.

"Ich hatte gleich das Gefühl, dass Antwerpen zum FCK passen würde"

Der Betze brennt: Wann haben Sie denn ein letztes Mal ein Spiel im Fritz-Walter-Stadion angeschaut?

Bongartz: Das weiß ich schon gar nicht mehr. Wegen der Pandemie ist es jetzt schon eine Ewigkeit her. Das war auch für mich eine Schweinezeit.

Der Betze brennt: Wie schauen Sie sich denn die FCK-Spiele im TV an - live und komplett oder nur in der Zusammenfassung?

Bongartz: Ich sehe fast alle Live-Übertragungen, aber auch viele andere Spiele der 3. Liga. Die ist schließlich eines meiner wichtigsten Reviere.

Der Betze brennt: Welches war das FCK-Spiel der jüngeren Vergangenheit, das Sie am meisten beeindruckte?

Bongartz: Das Derby in Mannheim, der 2:0-Sieg, da hat Marco in seinem ersten Spiel direkt zugeschlagen. Das war von der Emotion her das schönste, was ich zuletzt vom FCK gesehen habe.

"Ob der FCK aufsteigen kann? Das kann alles ganz schnell gehen"

Der Betze brennt: Was glauben Sie ist für den FCK noch drin in dieser Saison?

Bongartz: Dass das Spiel gegen Osnabrück gewonnen wurde, war auf jeden Fall sehr wichtig. Wenn jetzt auch der nächste Auswärtssieg eingefahren wird, kann die Mannschaft in einen Lauf kommen. Und dank der Drei-Punkte-Regel kann dann alles sehr schnell gehen. In Kaiserslautern hast du eben diese Tradition mit den Fans und dem Verein, und im Moment scheinen ja auch die Leute im Umfeld mal ruhig zu sein. Mit sportlichen Erfolgen kann da alles ganz schnell wieder in die richtige Richtung gehen.

Der Betze brennt: Den Aufstieg, das große Ziel, das im Verein keiner aussprechen will, halten Sie also für erreichbar?

Bongartz: Absolut. Das kann alles ganz schnell gehen. Allerdings kann man genauso schnell nach unten durchgereicht werden. Aber daran wollen wir nicht denken. Wir wissen alle, wo der FCK hingehört. Und ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn sie möglichst schnell wieder in diese Gefilde kommen würden. Das hat das Umfeld, das haben die Fans einfach verdient. So viel Herzblut wie in Kaiserslautern habe ich im deutschen Fußball selten erlebt.

Der Betze brennt: Als Freund des schönen Fußballs - welcher Mannschaft schauen Sie denn einfach um des Spiels willen gerne zu, ohne dass ihr Herz besonders an ihr hängt?

Bongartz: Da brauchen wir nicht groß drüber reden: den Bayern halt. Die haben nun einmal die Möglichkeiten, die besten Spieler zu holen. Drum spielen sie auch den besten Fußball. Okay, manchmal auch für meinen Geschmack zu viel quer. Auch wie Leipzig bereits unter Nagelsmann nach vorne gespielt hat - das ist für mich Fußball, der begeistert.

Der Betze brennt: Sie hatten auch immer eine Leidenschaft für Trabrennsport. Frönen Sie dieser heute noch?

Bongartz: Altersbedingt nur noch passiv. Zurzeit laboriere ich noch an einer Verletzung, nachdem ich dieses Jahr am Vatertag vom Pferd gefallen bin. Jetzt am Mittwoch bin ich gerade an der Schulter operiert worden. Soweit ist jetzt alles wieder in Ordnung, aktiv reiten werde ich nun aber nicht mehr.

"Wir sind nach den Spielen immer in der Lautrer Altstadt unterwegs gewesen"

Der Betze brennt: Sie galten in Ihrer aktiven Zeit als einer, der nach Feierabend gerne einem, sagen wir es mal so, lockeren Lebensstil frönte und nichts anbrennen ließ ...

Bongartz: Klar, das habe ich doch in Kaiserslautern gelernt (lacht).

Der Betze brennt: Wie sind Sie in diesen Fragen später als Trainer und Spielerberater mit Ihren Schützlingen umgegangen - konnten Sie ernst bleiben, wenn Sie ihnen was von Disziplin und solidem Lebenswandel erzählten?

Bongartz: Es ist wie überall im Leben: Es gibt für alles Grenzen, an die muss man sich halten. Wer ständig über die Stränge schlägt, wird immer Probleme bekommen. Die Zeit heute ist mit unserer auch nicht mehr zu vergleichen. Wenn heute mal einer loszieht, steht sofort einer irgendwo mit einem Handy, macht ein Bild, lädt es hoch, und schon ist die Küche am Qualmen. Aktuelles Beispiel: Erling Haaland. Da war es zu unserer Zeit schöner. Wir sind nach den Spielen immer mal in der Altstadt unterwegs gewesen, und ich hab den Kontakt mit den Menschen sehr genossen. Da ging es immer sehr familiär zu. Mit Familie Lutzi beispielsweise bin ich heute noch eng befreundet, ich bin der Trauzeuge von Manuela und Peter, und über sie hatte ich auch Kontakt zu Fritz Walter. Das sind Bande, die werden niemals abreißen.

Der Betze brennt: Und wo genau haben Sie die Lautrer Altstadt unsicher gemacht?

Bongartz: Ach, wir waren oft im "Simpel", das gibt’s ja auch heute noch. Und in einer Studentenkneipe in der Mühlstraße, dem "Inn", da haben wir uns oft montags getroffen. Und natürlich beim Italiener "Firenze", da schaue ich heute noch jedes Mal vorbei, wenn ich in Kaiserslautern bin. Der Wirt, Francesco, war auch schon bei mir zuhause, und wir haben zusammen Fußball geguckt: Deutschland gegen Italien.

"Es waren tolle Jahre": Bongartz will bald wieder nach Kaiserslautern

Der Betze brennt: Gibt es irgendeine Aufgabe im Fußball, die Sie nochmal reizen könnte - als Trainer, Manager oder Funktionär?

Bongartz: Ich glaube nicht. Das, was ich zurzeit mache, mache ich gerne. Und ich bestimme selbst, wo und zu wem ich gehe. Aufregung habe ich im Leben genug gehabt, jetzt genieße ich nur noch die angenehmen Seiten des Fußballs. Meine Kinder sind auch gut versorgt, von mir aus kann alles so wie es jetzt ist noch ein paar Jahre weitergehen.

Der Betze brennt: Und wann kommen Sie mal wieder nach Kaiserslautern?

Bongartz: Bestimmt schon bald. Wenn ich nach meinem Spieler in Saarbrücken schaue, lege ich einen Stopp in der Pfalz ein. Dann wird Familie Lutzi besucht, bei Francesco gegessen und Marco Antwerpen "Guten Tag" gesagt. Zu Thomas Hengen habe ich übrigens ebenfalls Kontakt. Die A61 von mir zuhause nach Kaiserslautern fahre ich schon lange wie im Schlaf. Ist ja auch kein Wunder: Wenn man die Zeit als Spieler und Trainer zusammenrechnet, sind das fast zehn Jahre, in denen ich in Kaiserslautern war. Das prägt. Und es waren tolle Jahre.

Der Betze brennt: Das haben Sie uns auch in diesem Gespräch deutlich spüren lassen, Herr Bongartz. Wir wünschen Ihnen am Sonntag einen schönen Geburtstag - auf dass die Schulter schnell besser wird und ansonsten für Sie alles noch lange so bleibt, wie es jetzt ist!

Quelle: Der Betze brennt / Autor: Thomas Hilmes, Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- Teil 1 des Interviews: "Das 5:0 gegen Real bleibt im Kopf wie eingenagelt" (Der Betze brennt)
Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon Lestat » 30.09.2021, 15:16


Wenn man die Spieler heute so sieht: 3 - 4 Übersteiger und immer nicht am Gegenspieler vorbei. Bei Hannes Bongartz hat da einer gereicht :teufel2:
Ja hier stand mal eine Signatur.
Diese wurde nach über 3,5 Jahren von den Moderatoren gelöscht (aufgrund einer Beschwerde) weil sie nicht den Forumsregeln entsprechen soll. Das zu sage ich jetzt besser nichts.



Beitragvon Bergerbetze » 01.10.2021, 10:49


@Lestat

Um an HB vorbeizukommen?
:teufel2: :lol:



Beitragvon Thomas » 03.10.2021, 13:02


Der Verein führt als eingetragener Verein den Namen 1. Fußball-Club Kaiserslautern e.V. (1. FCK) und hat seinen Sitz in Kaiserslautern. Seine Farben sind rot und weiß. (...) Das Stadion trägt den Namen Fritz-Walter-Stadion. (Vereinssatzung des 1. FC Kaiserslautern e.V. - Artikel 1, Absatz 1)



Beitragvon teuflisch42 » 03.10.2021, 20:22


Tolles Interview mit einem großartigen Sportler auf den wir alle stolz sein können. Eine der Betze-Legenden die diesen Verein ausmachen und von deren Leistungen wir noch heute schwärmen. Unsere heutigen Spieler können sich genauso in die Historie einbringen. Der Kader/Trainer die uns wieder eine Stufe höher bringen werden von uns genau so verehrt werden.
Aber heute ist der allein Ehrentag des Hannes Bongartz. Alles Gute zum 70. Geburtstag, viel Glück und Gesundheit.



Beitragvon Alex76 » 04.10.2021, 21:47


Super Interview. Nachträglich alles Gute zum 70. Geburtstag.




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