Allgemeine Fan-Themen und Fragen zu selbigen.

Beitragvon Kohlmeyer » 15.09.2021, 12:30


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Rezension: Buch "Klein anfangen, groß rauskommen"
Kleiner Mann mit großem Ego

Auch das muss ein FCK-Fan mal anerkennen: Einer der aktuell populärsten Vertreter seines Vereins ist kein Fußballer, sondern war Leichtathlet. Jetzt hat Mathias Mester, der heute 35 Jahre alt wird, ein Buch über sich geschrieben. Eric Scherer hat es gelesen.

Kennen Sie den? "Warum haben Kleinwüchsige beim Fußballspielen immer ein Grinsen im Gesicht?" Antwort: "Weil die Grashalme an den Eiern kitzeln."

Oje. Ein Witz auf Kosten Kleinwüchsiger und das in unseren übersensiblen Zeiten, in denen sogar ein Begriff wie "Schwarzfahren" als rassistisch empfunden wird, obwohl er nachweislich nie einen solchen Hintergrund hatte. Geht gar nicht. Außer natürlich - der, der ihn erzählt, ist selbst kleinwüchsig. Denn dann gilt so etwas nicht als diskriminierend, sondern geht als funkelnde Selbstironie durch.

Der 142,5 Zentimeter große Mathias Mester reißt ständig solche Witze. Auch in seiner jetzt erschienenen Biografie "Klein anfangen, groß rauskommen" finden sich einige davon. Doch fällt ihm und seinem Co-Autoren Holger Schmidt noch viel, viel mehr ein, um 241 Buchseiten zu füllen.

Schließlich war Mester Leistungssportler. Leichtathlet mit Speerwurf als Paradedisziplin. Mehrfacher Welt-, Europa- und Deutscher Meister. Seines Kleinwuchses wegen startete er im sogenannten "Behindertensport". Was dort geleistet werden muss, um an der Spitze zu stehen, sollte und darf keinesfalls unterschätzt werden. Nur mal so als Beispiel: Um sich mit der Kraft aufzupumpen, die es braucht, den Speer als erster Kleinwüchsiger der Welt über 40 Meter weit zu werfen, musste der 60 Kilo schwere Mathias Mester 150 Kilo liegend auf der Hantelbank stemmen. Kniebeugen schaffte er mit 200 Kilo Gewicht im Kreuz. Das darf jeder Normalgroße, der sich für stark hält, gerne mal nachmachen. Allerdings sollte er dabei ebenso starke Betreuer an seiner Seite haben.

Die "West" jubelt - und 142,5 Zentimeter stehen unter Strom

Ab 2013 sammelte Mester seine Titel für den 1. FC Kaiserslautern, wodurch endlich auch wieder der Behindertensport-Abteilung des FCK mehr öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde. In die Pfalz vermittelt hatte Mester sein Freund Wojtek Czyz, der bereits seit seinem achten Lebensjahr in Lautern lebt und als Leichtathlet mit Unterschenkel-Prothese einer der erfolgreichsten Behindertensportler aller Zeiten ist. Nach dem WM-Titel, den Mester im französischen Lyon erwarb, ehrte der damalige FCK-Vorstandschef Stefan Kuntz den frischgebackenen Titelträger vor einem Heimspiel der Fußballprofis im Fritz-Walter-Stadion.

"Und spätestens an diesem Abend hatte mich der Lautern-Virus gepackt", erzählt Mester. "Ich stand auf dem Rasen eines der berühmten Stadien Deutschlands, die Luft brannte und mehrere Tausend Menschen sangen meinen Namen. Ich bekam Gänsehaut über den gesamten Körper, die kompletten 1,42 Meter komma fünf waren wie elektrisiert."

Dass er von Kuntz als "Lautrer Jung" vorgestellt wurde, war freilich charmant gelogen. Mester ist in Münster geboren, in Goxel, einem Stadtteil von Coesfeld, aufgewachsen. Dort lebt er auch heute wieder, zwischenzeitlich war er in Köln, Stuttgart und Esslingen zuhause. Lautern war nie sein Lebensmittelpunkt. "Aber ich fand in der Pfalz all die Unterstützung, die man sich als Sportler wünscht."

Mester hat, was vielen FCK'lern zurzeit fehlt

Außer in diesem Kapitel kommt der FCK allerdings kaum in dem Buch vor. Dennoch hält es für auf Fußball konditionierte Anhänger des Fritz-Walter-Klubs einiges an Inspiration bereit. "Mentalität", "Wille", "Selbstbewusstsein", "Durchsetzungsvermögen" - so ziemlich von allem, was der Fan aktuell an seinen Roten Teufeln vermisst, hat Mester reichlich. Drum passt der kleine Mann mit dem großen Ego gegenwärtig besser denn je zu dem kleinen Klub, der einst der Schrecken der großen war.

Wer Mester nur von seinen Selbstinszenierungen im TV und den sozialen Medien kennt, wird erstaunt sein: Im Buch wird aus seiner Selbstbeschreibung keinesfalls die vielleicht vermutete Selbstbeweihräucherung, und er erzählt sein Leben auch nicht nur als einzige Erfolgsgeschichte. So lässt er den Leser deutlich spüren, wie sehr es ihn wurmt, dass es ihm nie gelungen ist, zu seinen zahlreichen Titel auch noch paralympisches Gold zu holen.

Und beim Schildern seines Scheiterns in den einzelnen Fällen differenziert er sehr genau zwischen "Verarsche", "selbst verbockt" oder einfach nur Pech. So verhinderte eine dauerhafte Verletzung, aber auch die coronabedingte einjährige Verzögerung seinen Start bei den jüngsten Paralympics in Tokio. Doch statt sich im stillen Kämmerlein zuhause zu verkriechen und seinen Frust zu pflegen, hob er für seine Internet-Community lieber die "Parantänischen Spiele" aus der Taufe. Mester halt.

Spaßvogel ja, Clown nein

Die erste Hälfte seines Buchs widmet er seinem Erwachsenwerden. Erzählt, wie normal das Familienleben eines Kleinwüchsigen doch eigentlich sein kann, und wie großartig, wenn man als 142,5 Zentimeter großer Fußballer in der Kreisliga ein Kopfballtor erzielt. Aber auch, welche Gemeinheiten ein solches Dasein dann doch bereithält - etwa im Job, wenn der Arbeitgeber ihn einerseits als "Vorzeige-Behinderter" präsentiert, ihm andererseits sonst aber keinerlei Wertschätzung zuteil werden lässt. Und Mester wäre eben auch nicht Mester, würde er nicht auch die landläufigen Vorstellungen über die anatomischen Gegebenheiten bei Kleinwüchsigen "untenrum" thematisieren. Und seine generelle Beziehung zum anderen Geschlecht sowieso.

Auch seine diversen Entertainer-Aktivitäten, die nun im Leben nach dem Leistungssport verstärkt in den Vordergrund rücken, sieht er sehr differenziert. So würde er sich etwa nicht aus einer Kanone abfeuern lassen oder aus einer Torte springen, aber dem "Dschungelcamp" gegenüber wäre er nicht abgeneigt. Und auf einen Auftritt als "Bachelor" wäre der Frauenfreund sogar regelrecht scharf. "Ich bin ein Spaßvogel, aber als Clown möchte ich nicht wahrgenommen werden", sagt Mester über sich selbst. Wer wirklich verstehen will, wie er das meint, muss "Klein anfangen, groß rauskommen" schon selbst lesen.

"Klein anfangen, groß rauskommen" von Mathias Mester und Holger Schmidt ist im Werkstatt Verlag erschienen, hat 241 Seiten und ist für 19,90 Euro unter anderem bei Amazon und überall im gut sortierten Buchhandel erhältlich.

Quelle: Der Betze brennt / Autor: Eric Scherer

Weitere Links zum Thema:

- FCK'ler Welte und Mester sind Sportler des Jahres (Der Betze brennt, 13.01.2019)
- FCK-Sportler Mathias Mester beendet seine Karriere (Der Betze brennt, 10.06.2021)



Beitragvon Vorderpfaelzer » 15.09.2021, 20:41


Ein toller Typ, eine tolle Karriere!
Buch soeben bestellt :D




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