BetzeGebabbel im Gespräch mit Udo Scholz

"Wir waren ein richtiger Botschafter der Pfalz"

Foto: Imago / Ferdi Hartung

Udo Scholz ist wohl jedem älteren FCK-Fan ein Begriff. Als Stadionsprecher war er von 1973 bis 1994 die „Stimme des Betzenbergs“. BetzeGebabbel – Der FCK-Podcast hat sich mit dem gebürtigen Westfalen getroffen und über seine Zeit als Stadionsprecher unterhalten. Herausgekommen ist eine halbe Stunde voller Erzählungen, Anekdoten und Erinnerungen. Bei Der Betze brennt könnt ihr nun einen Auszug aus dem Gespräch nachlesen. Das komplette Interview gibt es bei BetzeGebabbel als Podcast zum Anhören.

BetzeGebabbel: Udo, wir sitzen hier bei Dir in Weinstube. Wie kam es eigentlich dazu, dass Du in Friedesheim in der Vorderpfalz eine Weinstube eröffnet hast?

Udo Scholz (76): Das ist eine ganz einfache Geschichte: Ich habe mit meiner Frau in Mannheim gelebt und abends sind wir oftmals in die Pfalz gefahren. Die war nah, hier lebt schließlich die Gastlichkeit. Wer außerdem 22 Jahre in der Pfalz gewohnt hat, der kennt die ganzen Weingüter und weiß, dass man da auch gut essen kann. Also waren wir hier und haben gehört, dass der Winzer wegen „Kreislaufstörungen“ nicht mehr konnte. Der saß immer in Bad Dürkheim in der Spielbank, hat in den Kreis geschaut und alles verzockt. So konnten wir das hier im Jahr 2004 kaufen.

BetzeGebabbel: Und seitdem läuft es erfolgreich?

Scholz: Ja, ich muss sagen: Vom ersten Tag an läuft der Laden ganz hervorragend. Es sind ja vom Mannheimer Wasserturm nur 20 Kilometer hierher und dadurch, dass mich in Mannheim viele Leute und Fans kennen, kommen viele zum Entspannen hierhin. Wobei auch eine ganze Menge von den Roten zu mir kommt, was mich besonders freut.

BetzeGebabbel: Du bist in Westfalen geboren, wie kam es denn zum Engagement beim FCK und überhaupt zu Deinem Lebensmittelpunkt in der Pfalz?

Scholz: Einfache Geschichte: Ich habe eine große Firma aus Westfalen hier in dem Gebiet vertreten und irgendwann ein Spiel auf dem Betzenberg angesehen. Dabei habe ich den Herrn Köhler kennengelernt, der war damals Geschäftsführer. Erich Schickedanz war zu der Zeit Stadionsprecher, wollte damit aber aufhören. Denn der hat während des Spiels immer 40 Reval-Zigaretten geraucht. Davon hatte er ein bisschen eine belegte Stimme bekommen. Dann haben sie mich gefragt, und ich habe fand das eine tolle Geschichte - so bin auf den Betzenberg gekommen.

BetzeGebabbel: Du hast das dann von 1973 bis 1994 stolze 21 Jahre lang gemacht. Wir haben ein bisschen im Internet recherchiert und herausgefunden, dass Dein Vater Lokführer war und Du angeblich Deine ersten Erfahrungen als Sprecher an der Mikrofonanlage im Bahnhof von Lüdenscheid-Brügge gemacht hast?

Scholz: Ich habe in diesem Bahnhof gewohnt und gelebt. Das war ein großer Umschlagbahnhof und in Brügge waren viele Pendler. Morgens waren da zwischen 5.000 und 7.000 Reisende. Und ich hab dann gesagt: „Hier Bahnhof Brügge, der eingefahrene Personenzug fährt weiter nach Dieringhausen, Anschlusszug nach Lüdenscheid - Unterführung 4A oder 8B.“ Auf der anderen Seite habe ich mein Geld auch verdient, indem ich einen Bauchladen gehabt und Zigarren, Zigaretten, Bonbons, Limonade, Kekse und saure Drops verkauft habe. Auf diesem Weg kam ich früh mit der Sprecherei in Kontakt. Aber das eigentliche Sprechen kam ja erst später 1962/1963, als ich verletzt war: Ich war Fußballer und habe in Lüdenscheid die Ansagen gemacht. Dann hat mich jemand von Borussia Dortmund angesprochen und ich dachte, dass ich nun Karriere als Spieler machen würde. Aber der sagte: „Nee, nee, als Spieler nicht! Wir suchen einen Stadionsprecher und einen Assistenten, der uns zum Bundesliga-Start 1963 hilft.“ So bin ich nach Dortmund gekommen. Mein erstes Spiel war übrigens am 31. August 1963 gegen 1860 München, die damals unter anderem noch mit Radenković aufgelaufen sind.

BetzeGebabbel: Lass uns noch einmal zurück zum Betzenberg gehen. Welche besonderen Spiele und Gänsehaut-Momente gab es in Deiner 21-jährigen Karriere?

Scholz: Der Knaller war natürlich gleich in der ersten Saison. Da kommt Bayern München – 7:4! Das war der absolute Brüller. Du liegst 1:4 hinten und alle denken, das Stadion wird sich schon leeren und die Leute haben die Schnauze voll, weil wir in der ersten Halbzeit auch echt schlecht gespielt haben. Aber auf einmal drehen die auf und sogar Ernst Diehl macht ein Tor. Das war sensationell und auf der Treppe sind die Leute wieder raufgerannt. Am Ende waren mehr Zuschauer im Stadion als vorher. Das war der Knaller! Die Bayern haben überhaupt in der Zeit, in der ich da oben war, bittere Lehrstunden bei uns erlebt.

BetzeGebabbel: Wo wir gerade bei den Bayern sind: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“ Dieser Fangesang wird immer Dir zugeschrieben. War das eine spontane Idee die Fans zu diesem Gesang zu motivieren oder von langer Hand geplant?

Scholz: Nein, das war überhaupt nicht geplant! Nur muss ich erstmal ehrlicherweise sagen: Die Bayern haben schon damals viel für den deutschen Fußball getan. Man muss sie nicht unbedingt mögen, aber sie waren immer im sozialen Bereich aktiv. Auch Norbert Thines und ich wussten das. Damals war ich am Staffelsee in Murnau. Da ist ein Lokal, in dem der Christian Neureuther, die Rosi Mittermeier oder eben auch mal die Bayern-Spieler mit ihren Freundinnen abends hingegangen sind. Irgendwann gegen 23 Uhr kamen da zehn, zwölf Burschen in Lederhosen rein. Einer von denen war dermaßen lädiert - die hatten nämlich „gefenstert“ – und er war auf die Schnauze gefallen und seine Lederhose kaputt. Da sagte einer: „Zieh‘ dem mal die Liederhosen aus!“ Ich fand diesen Spruch nicht schlecht. Wir sangen im Stadion immer: „Wir wollen keine Bayern-Schweine.“ Dann bin ich am anderen Tag nach Hause gefahren und in Sulzemoos auf der Autobahn kam im Radio das Lied „Yellow Submarine“ von den Beatles. Von da an hatte ich das Lied mit dem Text im Kopf. Drei Wochen später haben wir gegen die Bayern gespielt und ich habe Norbert Thines dieses Lied vorgesungen. Der schlug mir vor, mal mit Fritz Danco vom SWR zu sprechen. Der war begeistert und wir haben sofort ein paar Fanclubs angerufen. Die waren auch dabei und haben gesagt: „Passt auf: Wir singen das in der Kurve und ihr kommt unten mit der Schubkarre und einer Lederhose an der Mistgabel hereingefahren und dann machen wir richtig Remmidemmi.“ Am Spieltag bin ich also vor die Westkurve und jeder wusste dass heute was passiert. Hinter mir waren Fritz Danco und Jörg Dahlmann von Sat.1 mit der Kamera. Ich begann zu singen und es war der absolute Brüller. Abends kam das im Sportstudio und von da an war der Gesang geboren.

BetzeGebabbel: Also ist das Lied bei uns auf dem Betzenberg geboren?

Scholz: Das Lied kommt ganz alleine von uns aus der Westkurve.

BetzeGebabbel: Was machen denn für Dich eigentlich die FCK-Fans aus?

Scholz: Für mich gibt es in Deutschland drei Vereine, die Leidenschaft leben. Das sind der FCK, Borussia Dortmund und auch die Nürnberger haben eine gewisse Fankultur, die leben ihren Verein. In Lautern kann man dazu schon Herzblut sagen. In meiner Zeit war es damals wirklich so, dass wir bei Auswärtsfahren in anderen Stadien mit den Fans gefeiert haben. Wir waren ein richtiger Botschafter der Pfalz. Es gab überhaupt keine Aggressivität, das war schon anders als heute. Ich muss sagen: Seit 1994 bin ich nicht mehr da oben gewesen. Ich sehe vom FCK heute nur im Fernsehen etwas oder lasse mir von meinem Sohn, der in Block 8 steht, berichten. Es hat sich viel getan seitdem.

BetzeGebabbel: Was ist denn der Grund, dass Du nicht mehr auf den Betze gehst?

Scholz: Die Entscheidung, mich damals zu entlassen, war sehr strittig. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass es nicht so war wie es von einer Person dargestellt wurde. Aber damals gab es kein Internet, es gab kein Facebook – es gab gar nichts. Nur drei Zeitungen, und eine von denen hat mir Dinge unterstellt. Dagegen habe ich mich gewehrt und dann Stadionverbot bekommen. Damit war für mich das Thema durch. Das Stadionverbot wurde bis heute nicht aufgelöst. Man hat mich später im Jahr vor dem FCK-Abstieg zwar noch einmal angesprochen und gebeten, im Stadion wieder etwas Stimmung zu machen. Aber da war ich so enttäuscht, dass ich das abgelehnt habe.

Warum genau musste Udo damals gehen und wieso will er auch heute nicht mehr zurück auf den Betzenberg? Weshalb spricht Winnie Schäfer bis heute nicht mit ihm? Und was wünscht er dem FCK für die Zukunft? Das alles hört Ihr ab sofort in der neuen Folge von BetzeGebabel – Der FCK-Podcast:

» Zur BetzeGebabbel-Sonderausgabe: Udo Scholz und die Nachspielzeit

Autor: BetzeGebabbel

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