Spielbericht: MSV Duisburg – 1. FC Kaiserslautern 1:3

Ein 45-Minuten-Feuerwerk zum Start

Ein 45-Minuten-Feuerwerk zum Start


Mit einer starken Leistung in der ersten Halbzeit startet der 1. FC Kaiserslautern in die Spielzeit 2015/2016. Dass nun allerdings nicht totale Euphorie angesagt ist, liegt vor allem an den letzten zehn Minuten. DBB-Autor paulgeht fasst den Freitagabend in Duisburg zusammen.

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Es ist Freitag, es ist kurz nach 18 Uhr und irgendwo hier soll gleich die 2. Bundesliga starten. Der Himmel über dem schlichten S-Bahnhof Duisburg-Schlenk ist grau verhangen und der Wettergott kann sich nicht entscheiden, ob er es gleich regnen lässt oder es nur schwül sein soll. Die wenigen Treppenstufen vom Bahnhof hinunter und durch eine Unterführung, vorbei an der Schrebergartenkolonie „Heimaterde“ geht es in Richtung MSV-Arena. Anders als erwartet ist das Stadion trotz moderner Konstruktion nicht von Weitem zu sehen und verschafft dem Fremden damit keine Orientierung. Wenige hundert Meter weiter fand eben eine Trauerfeier zum Gedenken der Loveparade-Opfer von vor fünf Jahren statt. Ansonsten geht es spürbar gemächlich zu. Ferienzeit in Nordrhein-Westfalen. Ein Gärtner fegt sein gemähtes Gras zusammen, während nebenan ein ICE im Schritttempo vorbeischleicht. Feierabendstimmung. Geht der Fußballzirkus wirklich schon wieder los?

Dann der erste große, mit Gras bewachsene und von Platanen überdachte Parkplatz vor dem Stadion. „Schön dass es wieder losgeht“, sagen die einen. „Schauen wir mal, was die Saison so bringt“, sagen die anderen. Einmal durchatmen. Und dann rein.

Ein paar Stunden später und bei Dauerregen auf dem Weg zurück sind die ersten Erwartungen erfüllt, vielleicht sogar übertroffen. Vor allem aber hat man viele neue Eindrücke gewonnen. Da ist zum Beispiel der Ersatzkeeper Zlatan Alomerovic, gekommen von Borussia Dortmund, der bei jeder Gelegenheit von der Bank aufspringt und seinen Mitspielern die Wasserflaschen zuwirft, sie motiviert, sie anfeuert. Da ist Kosta Runjaic, der im weißem Hemd und schwarzer Hose seine Mannschaft immer wieder neu instruiert, gestenreich die volle Breite der Coaching-Zone ausnutzt. Da ist Daniel Halfar, der wirbelt und ackert. Da ist Chris Löwe als neuer Kapitän, der ein solides Spiel macht, kurz vor Schluss aber wieder völlig unnötig ein Foul an der Strafraumkante begeht. Da ist Tim Heubach, der gemeinsam mit Stipe Vucur eine ungeahnte Sicherheit ausstrahlt und ein paar Mal das Spiel mit klugen Pässen öffnet. Da ist Markus Karl, der in den ersten Minuten gleich zweimal zu spät kommt, seinen Gegenspieler foult und ermahnt wird. Da ist Kacper Przybylko, der wendige Teufelskerl, der zwei Tore erzielt und gefeiert wird. Da sind aber auch die letzten zehn Minuten, in denen der FCK noch einmal unnötig unter Druck gerät und in das Muster alter Zeiten zu verfallen droht. Am Ende steht ein überzeugender 3:1-Sieg, vor allem dank eines 45-minütigen Feuerwerks in der ersten Hälfte. Mehr aber vorerst auch nicht.

Kosta Runjaic schickte sein Team – endlich wieder in leuchtend roten Trikots – mit einer 4-3-2-1-Konstellation auf das Feld. Vor der gewohnten Aufstellung in der Abwehr agierten Ruben Jenssen, Markus Karl und Alexander Ring in einer Dreierkette, während der Angriff durch zwei offensive Mittelfeldspieler (Mateusz Klich und Daniel Halfar) und dem einzigen Stürmer Kacper Przybylko angetrieben wurde. Zudem hatte der Chefcoach seinem Team ein schnelles und geradliniges Umschaltspiel verschrieben, durch das die Lautrer von Beginn das Spiel kontrollierten, auch wenn unter dem Strich der MSV etwas mehr Ballbesitz haben sollte.

Trotzdem oder gerade deshalb eine erfolgreiche Taktik des FCK. Gleich drei Mal tauchten die Lautrer nach Balleroberung und einem langen, weiten Pass, der die hochstehenden Duisburger überspielte, frei vor dem Kasten von MSV-Keeper Michael Ratajczak auf und konnten Ball im Tor unterbringen. Zweimal der pfeilschnelle Kacper Przyblyko, einmal Jean Zimmer (mit freundlicher Hilfe von MSV-Akteur Kevin Wolze). Angetrieben von Daniel Halfar und Mateusz Klich blieben die Lautrer vor allem bei Kontern gefährlich. Sehr zur Freude der knapp 3.000 mitgereisten FCK-Fans unter den insgesamt 23.686 Zuschauern. Auf einen positiven Saisonstart hatten zwar alle gehofft, dass der FCK aber so eiskalt und dominant mit 3:0 zur Pause führen sollte, wer hätte das erwartet?

Entsprechend gut und laut war die Stimmung im Gästeblock, der vor allem Mitte der zweiten Halbzeit das Geschehen – parallel zum Spiel auf dem Rasen – dominierte. Dem tat auch die weitläufige Verteilung über die ganze Hintertortribüne keinen Abbruch, auf der die Gästefans ihren Platz fanden. Anders als bei den früheren Besuchen im Wedaustadion blieb dafür der Oberrang geschlossen.

Während die Lautrer Seite feierte und sich in den Armen lag, dominierte gegenüber eher ungläubiges Kopfschütteln. Noch vor Spielbeginn hatte die Heimkurve mit einer riesengroßen Blockfahne und dem Banner „Der MSV ist wieder da“ die Rückkehr in die zweite Liga gefeiert (und damit deutlich mehr Gänsehaut erzeugt, als die offizielle DFL-Eröffnungszeremonie, zu der auf dem Rasen die Namen aller 18 Ligamannschaften auf langen Flaggen präsentiert wurden). Trotz des bitteren Einstands zeigten sich die Duisburger Fans vor allem in der zweiten Halbzeit von ihrer besten Seite. Den einzelnen Pfiffen zur Pause und dem einmal zaghaft angestimmten „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, setzte die überwiegende Mehrzahl einen beeindruckenden Dauergesang entgegen, den auch Zebra-Trainer Gino Lettieri nach dem Spiel hervorhob: „Es ist nicht selbstverständlich, beim Stand von 0:3 so gefeiert zu werden.“

In der zweiten Hälfte ließen es die Roten Teufel etwas ruhiger angehen, auch weil die eigene Mannschaft auf dem Feld die Führung souverän verteidigte. So hätte der Abend locker auslaufen und zu Ende gehen können, voller Freude über ein bisschen wiedergewonnenen Spaß und eine klasse taktische Leistung – wären da nicht die letzten zehn Minuten gewesen.
Aus Trotz warf der MSV noch einmal alles nach vorne und setzte den FCK unter Druck. Als in der 81. Minute Branimir Bajic nach einem Eckball völlig eingelassen zum 1:3 ins Tor traf, hätte man das noch als einfachen Ehrentreffer verbuchen können. Doch plötzlich schienen die Lautrer aus dem Tritt, spielten ihre Kontermöglichkeiten schlampig zu Ende und hatten großes Glück, als Kevin Wolzes Weitschuss wenige Minuten später nur an die Latte knallte. Nervöse Blicke im Gästeblock und die Frage: Was wäre wohl passiert, wenn der reingegangen wäre?

So legte sich über den ansonsten strahlend-hellen Eindruck des ersten Saisonspiels ein mahnender Schatten. „Über die zweite Halbzeit werden wir nochmal ausführlich sprechen“, betonte Kosta Runjaic auf der Pressekonferenz. Auch die Spieler übten sich eher in Zurückhaltung: Nach dem Spiel ließ sich die Mannschaft zwar vor der Kurve feiern, kam aber nicht noch mal, wie sonst üblich, vor den Gästeblock zurück. Stattdessen ignorierte sie die Rufe der Fans und marschierte in die Kabine. Eine bewusste Entscheidung, wie Jean Zimmer unmittelbar nach dem Spiel sagte: „Wir müssen eine Riesenkompliment an die Fans aussprechen, das war ein toller Support. Aber ich denke, mehr als ein 3:1-Sieg war’s dann auch nicht.“ Die Devise ist klar: Trotz der tollen Leistung in der ersten Hälfte gilt es weiter zu arbeiten. Es warten noch 33 Spieltage. Die Saison hat gerade erst begonnen.

Autor: paulgeht

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