Im Blickpunkt

Wie wir die Vorfälle beim Derby wahrgenommen haben


Was ist eigentlich genau passiert beim Derby und welche Konsequenzen sollte man daraus ziehen? Diese Fragen wurden nicht nur dem Team von „Der Betze brennt“ in den letzten Tagen vielfach gestellt. Wir möchten an dieser Stelle unsere Eindrücke von Samstag zusammenfassen.

Nach dem Derbysieg des 1. FC Kaiserslautern gegen den Karlsruher SC (Link) sind viele Leute auf uns zugekommen mit Fragen wie: Wie habt Ihr die Vorfälle nach dem Spiel wahrgenommen? Habt Ihr auch die Sachen vor dem Spiel gesehen? Könnt Ihr dieses Gerücht bestätigen oder jenes dementieren?

Die DBB-Redaktion hat in den letzten Tagen ihre persönlichen Eindrücke zusammengetragen – einen Großteil der Vorkommnisse haben wir mit eigenen Augen gesehen – hat mit Augenzeugen gesprochen, Medienberichte und Forumsbeiträge gelesen, Videos angeschaut sowie die verschiedensten Gerüchte überprüft. Ohne Anspruch auf absolute Vollständigkeit möchten wir an dieser Stelle dokumentieren, wie wir die Vorkommnisse beim Derby gesehen haben, und ein paar kritische Anmerkungen dazu machen.

Das Vorgeplänkel

Am Montag vor dem Derby hatte die „Rheinpfalz“ von der Sicherheitsbesprechung mit Vertretern beider Vereine, Polizei und Bundespolizei, Feuerwehr und Rettungsdienst, Straßenverkehrsbehörde und Ordnungsamt berichtet (Link). Grundtenor: Die Partie wird zwar als „Hochrisikospiel“ eingestuft, aber so richtig Sorgen scheint man sich nicht zu machen – denn die KSC-Fans seien bei den letzten beiden Spielen im Fritz-Walter-Stadion nicht auffällig geworden. Das verwundert zunächst, denn vor einem Jahr hatte die Polizei nach dem pfälzisch-badischen Derby noch folgende Aussage an die Medien gesendet, damals bezogen auf eine Auseinandersetzung am Bahnhof: „Beide Seiten warfen Flaschen und randalierten. Die Situation war bedrohlich.“ (Link)

Ein Gesprächsthema im Vorfeld war natürlich auch die Verlegung des Spiels von Freitagabend auf Samstagmittag, welche von den Kaiserslauterer Sicherheitsbehörden zum Leidwesen vieler Fans kurzfristig bei der DFL durchgesetzt wurde. Das Derby sollte bei Tageslicht stattfinden und Einsatzleiter Franz-Josef Brandt freute sich auf die damit verbundene Zugriffsmöglichkeit auf einen Polizeihubschrauber: „Ein tolles Einsatzmittel.“

Am Tag vor dem Derby kam es schließlich zu einem ersten Verbalduell in Kaiserslautern, bei dessen Verlauf die Darstellungen jedoch auseinander gehen. Fakt ist: Im Edelhotel „SAKS“ in der Lautrer Innenstadt saß eine Delegation des KSC auf der öffentlich zugänglichen Terrasse, als sich ein paar dutzend FCK-Fans, die am Freitagabend in der Stadt auf Tour waren, zu ihnen setzten. In den Medien verlautbarten die Karlsruher anschließend, dass sie bedroht worden seien und die angerufene Polizei nicht zu Hilfe gekommen sei (Link). Ein Fan, der dabei war, stellte die ganze Sache gegenüber „Der Betze brennt“ hingegen eher lausbubenhaft dar: Man habe in der Stadt zufällig die KSC'ler gesehen, sich dann kurz zu ihnen gesetzt und ein paar fußballtypische Frotzeleien ausgetauscht, und dann sei es nach zwei, drei Minuten auch schon wieder weiter in Richtung Innenstadt gegangen. Zumindest in einem Punkt stimmen die ansonsten unterschiedlichen Darstellungen überein: Alles spielte sich auf verbaler Ebene ab und niemand wurde handgreiflich oder ähnliches. Auch „Vermummte im Mannschaftshotel“, wie es andere Medien am nächsten Tag noch weiter auf die Spitze trieben (Link), gab es offenbar nicht.

Am Spieltag: Vor dem Anpfiff und während des Spiels

Knapp 2.000 Fans aus Karlsruhe sollten mit zwei Sonderzügen anreisen, deren Ankunft in Kaiserslautern gegen 11:30 Uhr geplant war. Der neuralgische Punkt auf dem Weg zum Stadion ist seit eh und je der Elf-Freunde-Kreisel am Fuße des Betzenbergs. Hier war es Anfang 2007 gegen den KSC zu heftigem Austausch von Wurfgeschossen gekommen (Link), in deren Folge die Polizei ihr Anreisekonzept für Gästefans komplett überarbeitete und damit eine eigentlich gute Problemlösung gefunden hatte – auch wenn die seither gängigen Vollsperrungen des Kreisels für die FCK-Anhänger oft zu nervigen, extrem langen Wartezeiten hinter der Polizeisperre führten.

An diesem Derbysamstag hatte sich nun ein größerer FCK-Mob an den Imbissbuden oberhalb des Kreisels versammelt, von wo aus, abgetrennt durch Zäune, Garagen und die vor dem Spiel stets präsente Polizei, nicht mehr als ein kurzer Sichtkontakt mit den rund 30 Meter entfernt vorbeilaufenden Gästefans möglich ist. Zusätzlich abgeschirmt von einer behelmten Polizeieinheit kam es hier nach Ankunft der Sonderzüge gegen 12:00 Uhr zu Würfen von kleineren Gegenständen und Feuerwerkskörpern, zunächst ausgehend vom einheimischen Anhang. Diesem Schauspiel setzte die Polizei nach etwa 20 bis 30 Sekunden mit dem massiven Einsatz von Pfefferspray gegen den FCK-Mob ein schnelles Ende. Die Zwischenbilanz nach diesem Vorfall: Offiziell sechs verletzte Polizisten (fünf davon mit leichtem Knalltrauma) sowie durch das Pfefferspray einige lädierte Lautrer (Beteiligte und Schaulustige).

Während des Spiels blieb es dann weitgehend friedlich im Fritz-Walter-Stadion, bis auf eine Situation: Neben dem Gästeblock, wo sich auch viele KSC'ler eingefunden hatten, kam es gegen Ende des Spiels zu einem Scharmützel, in dessen Folge einige ebenfalls dort sitzende FCK-Fans vom Ordnungsdienst auf einen anderen Platz geleitet wurden.

Am Spieltag: Nach dem Abpfiff

Als vor der Westkurve die FCK-Spieler mit ihren Fans ausgiebig den Derbysieg feierten und hinter der Osttribüne ein Großteil der KSC-Anhänger für die Abreise gesammelt wurde, verweilten im unteren Bereich des Gästeblocks noch rund 200 Karlsruher ohne größere Regung und ohne Bewachung – sichtbar frustriert aufgrund der Niederlage. Aus dieser Gruppe heraus bewegten sich gegen 15:00 Uhr einzelne Personen über die Absperrbänder (auch Zäune hätten hier nichts verhindert) in Richtung Familienblock (der zu diesem Zeitpunkt nahezu leer war) und von dort aus über den Zaun auf die Südtribüne. Nach und nach kamen so rund 50 Personen zusammen, welche die wenigen auf den Sitzplätzen verbliebenen FCK-Fans teilweise in Ruhe ließen, teilweise aber auch angriffen. Währenddessen schallte aus der Westkurve ein Pfeifkonzert und dutzende Fans aller Coleur, darunter viele Ultras, setzten sich ebenfalls in Richtung Südtribüne in Bewegung.

Auf der Südtribüne trafen die beiden Gruppen dann aufeinander und es kam zu zahlreichen Handgreiflichkeiten zwischen je drei, vier Personen, jedoch nicht zu einer großen Massenschlägerei mit allen Beteiligten. Im Gegenteil, Karlsruher und Lautrer standen sich zeitweise sogar in zwei breiten, vertikalen Reihen direkt gegenüber, ohne aufeinander loszugehen. Die gewalttätigsten Szenen spielten sich rund um das Mundloch von Block 3.1 ab, wo zwei ältere Mitarbeiter des FCK-Ordnungsdienstes zunächst noch schlichten wollten, dann aber aufgeben und sich selbst schützen mussten. Dieser größte Teil der Auseinandersetzungen mit etwa 20 Beteiligten, von dem auch fast alle in den Medien zu sehenden Fotos stammen, dauerte nach Analyse der vorliegenden Bilder rund zehn Sekunden. Sofort danach ertönte durch die Stadionlautsprecher eine Durchsage der Polizei, woraufhin sich die Karlsruher – wahrscheinlich auch aufgrund der immer größer werdenden Anzahl an Lautrern – wieder in den Gästeblock zurückzogen. Der Spuk war vorbei. Wenig später betraten dann auch erste Einheiten von Security und Polizei die Tribüne und hielten die Trennung der Fangruppen aufrecht, ohne dass es jedoch zu Festnahmen kam.

Auf uns Mitarbeiter von „Der Betze brennt“ kamen noch im Stadion viele Menschen zu, darunter Vereinsoffizielle, Journalisten und Fans, und fragten nach unserer Sicht der Dinge. Alle waren sich in diesem Moment grundsätzlich einig: Die von den Karlsruhern ausgegangenen Schlägereien sind zu verurteilen und die Sicherheitskräfte haben in diesen Minuten versagt.

Die Gerüchteküche

Andernorts nahm derweil die Gerüchteküche ihren Lauf, welche vor allem im Internet beschämende Auswüchse mit sich brachte. Ein achtjähriges Kind liege im Koma, weil die Karlsruher durch den Familienblock marodiert seien und dort Frauen mit Kindern niedergeschlagen hätten, hieß es beispielsweise. Bis auf „Karlsruher“ und „Familienblock“ erwies sich an dieser Behauptung alles als falsch und erinnerte an das vorletzte Heimspiel gegen den KSC vor fünf Jahren, als im Nachgang sogar das Internetgerücht kursierte, ein Fußballfan sei bei Ausschreitungen ums Leben gekommen. An dieser Stelle kann man nur appellieren: Bitte bleibt bei den Fakten und glaubt nicht alles, was zu lesen ist!

Die Suche nach den Schuldigen

Als gegen 17:00 Uhr der größte Teil der KSC-Fans die Stadt verlassen hatte, war die mediale Aufbereitung der Vorkommnisse längst in vollem Gange. Stellungnahmen wurden zunächst vom FCK (Link), vom KSC (Link) und von der Polizei (Link) veröffentlicht. Richtigerweise wurde in diesen Stellungnahmen das Verhalten der Randalierer verurteilt, wenn auch wenig differenziert, die Versäumnisse der Sicherheitskräfte wurden und werden von Vereinen und Polizei bis heute (Dienstag) jedoch mit keiner Silbe erwähnt.

Gewaltsuchende Stadiongänger braucht kein Mensch, aber es gibt sie nunmal. Die Aufgabe der Sicherheitskräfte ist es, diese im Zaum zu halten und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Die Vorfälle nach dem Spiel gegen Karlsruhe wären mit geringstem Aufwand zu verhindern gewesen, wenn zwischen Ost- und Südtribüne nur eine kleine Anzahl von Sicherheitskräften (Security oder Polizei) platziert geblieben wäre. Auch von einer geplanten Aktion der Randalierer kann keine Rede sein, wenn man die kursierenden Bilder analysiert: Die Karlsruher brauchten selbst minutenlang, um diese ungewohnte „Gelegenheit“ auf Stress zu realisieren. Und Gelegenheit macht bekanntlich Diebe. Wie schon nach dem FCK-Heimspiel gegen Dresden im Februar 2013 wären auch diese Ausschreitungen im Oktober 2014 durch einfache Beobachtung der polizeibekannten Fangruppen (laut Gerüchten handelte es sich um Karlsruher Ultras und Junghools) vermeidbar gewesen. Diese Kritik am mangelhaften Sicherheitskonzept brachte am Montag als erste öffentliche Instanz die Rot-Weiße Hilfe Kaiserslautern vor (Link). Polizei und Verein hingegen wiesen die Kritik an ihren Vorkehrungen zurück (Link, Link).

Eine Sonderrolle nimmt der vereinseigene Ordnungsdienst ein, von dem einige Mitarbeiter als einzige Sicherheitsinstanz (neben Security und Polizei) von Beginn an auf der Südtribüne anwesend waren. Hierbei handelte es sich zum größten Teil um ältere, meist FCK-Fans, die sich für eine geringe Aufwandsentschädigung im Stadion als Platzanweiser und Ansprechpartner betätigen und nebenbei das Spiel schauen. Den Ordnern, auch eine Frau stand bei der größeren Schlägerei mittendrin und klammerte sich verzweifelt an ihrem Kollegen fest, kann man keine ernsthafte Schuld zuweisen.

Zurück zu den Fans. Während über das Fehlverhalten der KSC'ler allgemeine Einigkeit herrscht und diese als Auslöser der Gewalt als erste Schuldige zu benennen sind, gehen die Meinungen über die beteiligten FCK-Fans auseinander: Waren diejenigen, die von der Westkurve auf die Südtribüne kletterten und sich den Karlsruhern entgegenstellten, eher „Retter“ oder „Randalierer“? Die Antwort ist ebenso so einfach wie kompliziert: Beides trifft zu! Ganz bestimmt gibt es auch in der Westkurve Leute, die sich zu einem kleinen Fight nicht zweimal bitten lassen. Aber es gibt auch solche, die einfach ihren schutzlosen Mitfans zu Hilfe eilen wollten, was auch durch die eher passive Verteidigungshaltung der meisten FCK'ler auf der Südtribüne gestützt wird. Manch einer hatte vielleicht sogar beides im Sinn – ist das dann verurteilens- oder lobenswert? Ein Lautrer Ultra, aber definitiv keiner von der gewaltsuchenden Sorte, sagte im Nachgang zu „Der Betze brennt“: „Nachdem alles vorbei war, hat mir ein Ordner die Hand gegeben und sich bedankt. Ich denke das sagt einiges.“ Im DBB-Forum (Link, Link) und in Leserbriefen (Link) gibt es ähnliche Schilderungen von direkt betroffenen FCK-Fans.

Anders verhält es sich bei den Vorkommnissen vor dem Spiel: Wer Böller oder Gegenstände auf andere Menschen wirft, ist durch nichts legitimiert. Hier ist den beteiligten Lautrern ein absolutes Fehlverhalten zuzuweisen.

Die Konsequenzen

Der Vergleich zu den Ausschreitungen gegen Dresden vor anderthalb Jahren dient als mahnendes Beispiel. Damals wurde als Konsequenz der Sicherheitsbehörden nur ein Runder Tisch einberufen, bei dem hilflos wirkende Maßnahmen beschlossen wurden. Weil seinerzeit Busse mit FCK-Fans angegriffen wurden, sollte beispielsweise die Videoüberwachung in der Innenstadt erhöht werden (Link). Nach den aktuellen Vorfällen gegen Karlsruhe wurde von offiziellen Seiten schon die Installation neuer Zäune im Gästebereich angeregt – eine ähnlich nutzlose Maßnahme wie die Videoüberwachung, denn ohne Security oder Polizei auf der anderen Seite lassen sich die wirklichen Randalierer weder von Kameras noch von Gittern aufhalten. Umgekehrt wird schon nach zahlenmäßig mehr Polizei bei den Spielen auf dem Betzenberg gerufen, aber auch das wird den Vorkommnissen nicht gerecht: Es waren genug Polizisten anwesend, hinzu kommt die vom Verein engagierte Security, sie wurden nur falsch eingesetzt. Das wahre Problem lag wie schon gegen Dresden in der Organisation, und weil dort damals keine ernsthaften Konsequenzen gezogen wurden (Einsatzleiter Franz-Josef Brand resümierte seinerzeit voreilig: „Unser Einsatzkonzept hat heute weitestgehend gegriffen“), konnten sich diese Vorfälle nun in ähnlicher Form gegen Karlsruhe wiederholen.

Man kann nur auf eine sachgerechte Aufarbeitung der Vorkommnisse hoffen. Letztes Jahr mussten als Sündenbock die gegen Dresden völlig unbeteiligten FCK-Ultras herhalten, gegen die bei nächster Gelegenheit (im März 2013 gegen Waldhof Mannheim) über 50 Stadionverbote für Nichtigkeiten, welche sich später vor Gericht in Luft auflösten, ausgesprochen wurden. Polizei und Verein wollten allem Anschein nach von eigenen Fehlern ablenken und dem politischen Druck standhalten, indem sie Härte zeigen. Wenn sich aber Vorfälle wie gegen Dresden oder Karlsruhe wirklich nicht mehr wiederholen sollen, dann muss diesmal eine bessere Problemanalyse/-lösung durchgeführt werden und nicht wieder nur ein hilfloser Arbeitskreis mit willkürlicher Kollektivstrafe. Auch Experten wie die Mitarbeiter des Fanprojekts sollten daran beteiligt werden. Die vorhanden Sicherheitskonzepte benötigen keine Runderneuerung, sondern Optimierungen an den entscheidenden Stellen. Identifizierte Gewalttäter sollten ausgeschlossen werden. Zur Hilfe eilende Fans jedoch nicht. Egal, wie schwer die Differenzierung auch sein mag.

Updates, 08.10.2014:
FCK-Vorstandsvorsitzender Stefan Kuntz hat sich in der heutigen „Rheinpfalz“ ausführlicher zu den Derby-Vorfällen und dem aktuellen Stand der Aufarbeitung geäußert: Kuntz: „Kein Rundumschlag“
Auch die Rot-Weiße Hilfe hat sich erneut zu Wort gemeldet: Stellungnahme zu den Ermittlungen des DFB und der Polizei

Updates, 09.10.2014:
In der SWR-Sendung „Zur Sache Rheinland-Pfalz“ wurden am heutigen Donnerstag nochmals die Derby-Vorfälle aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert: Wer stoppt die Gewalt in den Fußballstadien?

Autor: Redaktion

Weitere Links zum Thema:

- Krawalle auf dem Betzenberg - FCK bedauert Vorfälle (SWR, fck.de)
- DFB ermittelt nach Derby - Kritik am Sicherheitskonzept (Der Betze brennt)

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